Manuel Krug hat den Schauspieler Michael Gwisdek fotografiert, den Fernsehkoch Chakall und, wenn man ihm beim Shooting zuhört, auch den früheren Ferrari-Teamchef Jean Todt. Seit ein paar Wochen gehöre ich ebenfalls zu seinen Motiven, und das war eine bewusste Entscheidung gegen den bequemeren Weg. Einen KI-Headshot hätte ich an einem Nachmittag haben können: zwanzig Selfies hochladen und aus 200 glatten Varianten die am wenigsten fremde aussuchen. Ich zeige Geschäftsführern jeden Tag, wo KI in ihrem Unternehmen Arbeit abnimmt. Beim eigenen Gesicht habe ich mich dagegen entschieden, und die Gründe haben mehr mit Unternehmensführung zu tun, als man bei einem Profilbild vermuten würde.
Ein Foodfotograf mit Porträt-Vergangenheit
Manuel fotografiert seit 1995. Angefangen hat er mit Menschen, für Magazine wie Stern, Spiegel und Geo. Seit 2009 fotografiert er vor allem Essen: über 200 Berliner Restaurants, zehn Kochbücher zwischen 2010 und 2019, dazu Kunden wie Weber Grill und Coca-Cola. Eins dieser Bücher, „Monsieur Vuong“ bei Suhrkamp, hat die Stiftung Buchkunst 2017 zu den schönsten deutschen Büchern gezählt. Für eine Reportage ist er einmal fünf Tage mit einer Lufthansa-Pilotin um die Erde geflogen.
Die Porträts hat er trotzdem nie aufgegeben. In der Porträt-Galerie auf seiner Website hängen 29 Bilder, darunter Michael Gwisdek und Chakall. Jean Todt taucht dort nicht auf. Von ihm hat Manuel mir beim Shooting erzählt, und die Galerie zeigt ohnehin nur einen Ausschnitt, denn 26 der 29 Bilder tragen online überhaupt keinen Namen.

Keine Bewerbungsfotos
Ich hatte mit dem üblichen Programm gerechnet: neutraler Hintergrund, Sakko, Blick nach rechts oben in die Zukunft. Manuel hatte etwas anderes vor. Bewerbungsfotos wollte er keine machen, er wollte, in seinen Worten, richtige Charakterbilder.
Das hiess: keine Pose, kein Weichzeichner, kein „einmal noch mit etwas mehr Lächeln bitte“. Stattdessen haben wir in seinem Studio in Friedrichshain zwei Stunden geredet, er hat das Licht verschoben, und irgendwann hat mein Gesicht aufgehört, für die Kamera zu spielen. Auf diesen Moment hat er gewartet.
Sieben Bilder aus dem Shooting stehen jetzt in meinem Speaker-Kit, in Farbe, in Schwarz-Weiss und eins in Sepia. Weisses Hemd, dunkler Hintergrund, einmal zurückgelehnt, einmal mit der Hand am Kinn, mehrmals lachend. Keines davon sieht aus wie das Standard-Profilbild, das auf LinkedIn zu Tausenden durch den Feed läuft, und genau das war Manuels Punkt.

Die unbequeme Zahl: KI-Gesichter wirken vertrauenswürdiger
Bevor das hier nach Fotografen-Romantik klingt: Die Forschung spricht erst mal gegen mich. Sophie Nightingale von der Lancaster University und Hany Farid von der UC Berkeley haben 2022 in den Proceedings of the National Academy of Sciences untersucht, ob Menschen KI-generierte Gesichter von echten unterscheiden können. 315 Teilnehmende kamen im Schnitt auf 48,2 Prozent Trefferquote, also auf Münzwurf-Niveau. Eine zweite Gruppe bekam vorher ein Training und nach jedem Bild Feedback und schaffte trotzdem nur 59 Prozent.
Der Knaller kam im dritten Experiment. 223 Teilnehmende bewerteten die Gesichter auf einer Skala von 1 bis 7 nach Vertrauenswürdigkeit, und die synthetischen Gesichter landeten bei 4,82, die echten bei 4,48. Das sind 7,7 Prozent mehr Vertrauen für Menschen, die es gar nicht gibt.
Rein nach Zahlen hätte mich ein KI-Headshot also vertrauenswürdiger aussehen lassen. Die Forscher liefern auch eine Erklärung mit: Synthetische Gesichter ähneln eher dem Durchschnittsgesicht, und durchschnittliche Gesichter werden als vertrauenswürdiger wahrgenommen. Das Modell baut also genau das, worauf unser Kopf in Millisekunden anspringt, nämlich Vertrautheit ohne Ecken und Kanten.
Durchschnitt wirkt vertrauenswürdig. Gebucht wird er nicht.
Manuels Motto steht auf seiner Website: „Don’t be better, just be different.“ Das klingt nach Kalenderspruch, beschreibt aber ziemlich genau das Problem mit den 7,7 Prozent. Ein Gesicht, das auf Anhieb vertraut wirkt, weil es dem Durchschnitt ähnelt, ist ideal für Fake-Profile und Betrugsmaschen, und genau davor warnen Nightingale und Farid in ihrer Studie. Für jemanden, der auf Bühnen steht und in Beiräten sitzt, ist der Durchschnitt das falsche Ziel.
Veranstalter buchen mich für eine Keynote, weil sie genau diese Person auf der Bühne haben wollen, mit dieser Art zu reden und mit diesem Gesicht, wenn ich einem Saal voller Führungskräfte erkläre, dass ihr KI-Projekt am Prozess hängt und nicht am Tool. Spätestens beim ersten Handschlag vor dem Auftritt zahlt man geliehenes Vertrauen zurück, und zwar mit Zinsen, denn wer anders aussieht als auf dem Foto, startet mit einem kleinen Glaubwürdigkeitsproblem, bevor der erste Satz gesagt ist.
Dasselbe Muster sehe ich in Unternehmen. Wenn zehn Maschinenbauer ihre Website-Texte, Angebote und LinkedIn-Posts mit denselben Modellen und ähnlichen Prompts schreiben lassen, landen alle zehn beim selben freundlichen, glatten Mittelwert. Jeder einzelne Text liest sich gut. Zusammen sind sie austauschbar, und wer austauschbar ist, verhandelt am Ende über den Preis.

Das braune M&M im Profilbild
Van Halen hatten in ihrem Tourvertrag eine Klausel, nach der backstage keine braunen M&M’s in der Schale liegen durften. Was nach Starallüre aussah, war ein Test: Lagen braune M&M’s in der Schale, wusste die Band, dass der Veranstalter den Vertrag nicht gründlich gelesen hatte, und prüfte die teure Bühnentechnik noch einmal selbst. Ich habe darüber einen eigenen Artikel geschrieben, weil mich das Prinzip seitdem nicht loslässt: Kleine, billige Signale verraten, wie jemand mit den grossen Dingen umgeht.
Ein Profilbild ist so ein Signal. Wenn ausgerechnet der KI-Berater beim einzigen Bild, das ihn selbst zeigt, zum KI-Headshot greift, darf sich ein Geschäftsführer fragen, wo derselbe Berater sonst noch abkürzt. Bei der Prozessaufnahme zum Beispiel, oder bei der Frage, wer im Unternehmen am Ende die Verantwortung für eine Entscheidung trägt, die eine KI vorbereitet hat.
Wo KI hingehört und wo nicht
Damit das nicht falsch ankommt: Ich nutze KI jeden Tag. Recherche, erste Entwürfe, Protokolle und die Grafiken zu vielen meiner Posts laufen bei mir mit KI, und ich wäre schön blöd, wenn nicht. Dass ein Modell ein überzeugendes Foto hinbekommt, hat die Studie aus Lancaster und Berkeley ja gezeigt. Spannender finde ich, bei welcher Aufgabe der Durchschnitt reicht und bei welcher die Unterscheidung das eigentliche Produkt ist.
Genau diese Sortierung machen wir bei CTRL+ALT+LEAD mit Geschäftsführern im Mittelstand in der ersten Phase, bevor irgendein Tool ausgewählt wird. Zwei Fragen helfen dabei mehr als jede Toolliste.
Würde ein Kunde merken, wenn dieses Ergebnis von einem Wettbewerber käme? Wenn nicht, darf KI es machen, und zwar gern komplett. Standardangebote, interne Zusammenfassungen, Übersetzungen von Produktdatenblättern und die zwölfte Variante eines Social-Media-Bilds gehören meistens in diese Kategorie.
Kauft der Kunde dieses Ergebnis, weil es von uns kommt? Dann gehört ein Mensch mit Handschrift ans Steuer. Das Erstgespräch mit einem neuen Kunden fällt darunter, bei den meisten Unternehmen auch die Kernbotschaft auf der Website. Bei mir gehört das Gesicht auf dem Profilbild dazu.
Die neuen Bilder liegen im Speaker-Kit, für Veranstalter frei nutzbar, mit Bildnachweis Manuel Krug. Das alte Profilbild hat damit ausgedient. Ob die Charakterbilder halten, was Manuel versprochen hat, merke ich bei der nächsten Keynote, wenn jemand nach dem Vortrag auf mich zukommt und sagt, ich sähe aus wie auf dem Foto. Oder eben nicht.
Wer in Berlin Porträts oder Foodfotos braucht, ist bei Manuel Krug richtig: manuelkrug.com. Und danke an Vlorë Krug Kryeziu für den Kontakt.






