Am Samstag stand ich im Townhouse an der Bilker Strasse in Düsseldorf, beim zweiten Regionaltag KI der Stiftung der Deutschen Wirtschaft nach Berlin im September. Im Raum sassen Azubis und junge Fachkräfte zwischen 16 und 34: eine Gross- und Aussenhandelskauffrau, ein angehender Bankkaufmann, eine Hotelfachfrau, ein Elektroniker, ein Fluggerätmechaniker, eine Fachinformatikerin für Systemintegration und ein Azubi aus dem Personalbereich. Freiwillig, an einem Samstag, sechseinhalb Stunden.
Mittags hing an einer der Stellwände ein oranger Zettel mit einer Frage, die mich seitdem nicht loslässt: „Was erfüllt mich, wenn die KI alles macht?“
Über Angst vor KI wird viel geschrieben, meistens über Jobs. Diese Wand erzählt eine andere Geschichte, und die hat mehr mit Führung zu tun als mit Technologie.
Wie so eine Wand entsteht
Workshops dieser Art fange ich fast immer gleich an. Jede Person schreibt anonym ihre Ängste und Hoffnungen auf runde Zettel, wir clustern sie gemeinsam an der Wand und stimmen mit Strichen ab, worüber wir reden müssen. Was dabei herauskommt, ist die Agenda für den Tag, geschrieben vom Raum und nicht von mir.
Unter „Angst“ standen am Ende sieben Cluster. Jobverlust, mit einem langen Zettel, auf dem jemand sinngemäss schreibt, die KI könne Geschäftsprozesse so weit vereinfachen, dass es den eigenen Job irgendwann nicht mehr gibt, schliesslich könne sie theoretisch auch Rechnungen prüfen. AI Slop, also die Flut an generierter Musik, Videos und Bildern, dazu die Frage, welche Bilder überhaupt noch echt sind. Skillverlust, festgemacht am Verlust der Kreativität. Unmündigkeit, beschrieben als Verlust der eigenen Anstrengung und als Sorge, das Hinterfragen zu verlernen und zu viel zu vertrauen. Und „KI übernimmt die Welt“ mit Kontrollverlust, fehlender Regulierung und der Frage, wie man einer Maschine eigentlich zu hundert Prozent vertrauen soll.
Bleiben zwei Cluster, um die es in diesem Text geht.
Die Sinn-Frage und die Menschlichkeit
Unter der blauen Karte „Die Sinn-Frage“ hing der orange Zettel. Gleich daneben ein Cluster mit dem Titel „Verlust der Menschlichkeit“: ein Zettel über den Verlust menschlicher Bindungen und Freundschaften, mit KI als neuem besten Freund und Helfer, und ein roter Zettel mit nur vier Wörtern: „Wie (noch) selber denken?“
Der Fluggerätmechaniker hatte das Thema schon in der Vorstellungsrunde aufgeschrieben, bevor überhaupt jemand über Ängste gesprochen hatte. Seine Frage an den Tag war, wie wir den Spagat zwischen Fortschritt und dem Verlust der Menschlichkeit schaffen.
Das sind keine Fragen nach Tools. Das sind Fragen danach, was von einem selbst übrig bleibt, wenn die Maschine die Routine übernimmt.
Wer gerade im zweiten Lehrjahr ist und lernt, einen Beruf richtig zu machen, fragt sich deshalb nicht nur, ob es diesen Beruf in zehn Jahren noch gibt. Die Frage geht tiefer: Wenn ein System die Rechnung prüft, den Bericht schreibt und den Plan erstellt, woran merke ich dann noch, dass ich in etwas gut bin, und mit wem rede ich darüber, wenn die bequemste Antwort aus dem Chatfenster kommt?
Auf der anderen Seite der Wand
Rechts stand „Hoffnung“, und dort wurde es spannend. Auf den Zetteln standen wissenschaftlicher Fortschritt durch leistungsstarke KI, die Automatisierung repetitiver und simpler Aufgaben, Analytik auf Basisebene, neue Geschäftsmodelle und Ressourcen, die effizienter genutzt werden, weil KI gut optimieren kann.
Die Hoffnungen sind genau die Dinge, aus denen die Ängste entstehen. Wenn KI die repetitiven Aufgaben übernimmt, fällt ausgerechnet der Teil der Arbeit weg, an dem man in einer Ausbildung lernt, sicher zu werden. Die Leute im Raum sind also alles andere als naiv. Sie wissen sehr genau, was KI kann, und sie wollen wissen, was dann ihr Teil ist.
Die Doppelung kannte ich schon aus Berlin. Dort standen vor fünf Wochen morgens Arbeitsplätze, Überwachung und blindes Vertrauen an der Wand. In Düsseldorf war die Sinnfrage deutlich lauter.
Warum kein Tool-Training diese Frage beantwortet
In den meisten Rollout-Plänen, die ich in Unternehmen sehe, sind Datenschutz, Lizenzen, Schulungstermine und die Liste der Use Cases bis ins Detail geregelt, aber die Frage vom orangen Zettel taucht in keinem Projektplan auf. Angst vor KI lässt sich auch nicht an die IT delegieren und nicht an einen externen Trainer, mich eingeschlossen.
Die Frage muss eine Führungskraft beantworten, im Gespräch, und zwar bevor das erste Tool ausgerollt ist. Vier Dinge helfen dabei.
Fragt eure Leute, was sie an KI beunruhigt. Anonym und schriftlich, drei Zeilen pro Person reichen völlig, und die Antworten sind meist ehrlicher als jede Mitarbeiterbefragung.
Sagt, wofür die gewonnene Zeit gedacht ist. Für jede Rolle, in der KI Routine übernimmt, braucht es einen Satz dazu: mehr Kundengespräche, mehr Qualitätsprüfung, mehr Verantwortung für Entscheidungen. Wenn das niemand formuliert, füllt die Angst die Lücke.
Lasst das Denken im Prozess. Wer ein Ergebnis von der KI bekommt, prüft es, begründet es und verantwortet es. Das ist die praktische Antwort auf „Wie (noch) selber denken?“, und sie gehört in die Arbeitsanweisung.
Plant Zeit für Austausch ein. Im Feedback am Abend stand in Düsseldorf mehrfach dasselbe wie in Berlin: der offene Austausch war das, was den Leuten am meisten gebracht hat.
Was abends an der Wand hing
Später am Tag sah die Learnings-Wand anders aus. „Die KI kann (noch) nicht alles!“ stand da, daneben „Es ist einfacher, als man denkt“ und „Das Problem sitzt oft vor dem Computer, ausprobieren und üben“. Ganz praktisch hatte jemand gelernt, sich vom Chatbot eine ICS-Datei bauen zu lassen, um Termine direkt in den eigenen Kalender zu übertragen.
Ein Zettel ist mir hängen geblieben, weil er unbequem ist: „Ethik und Moral sind ineffizient“. Ich weiss nicht genau, ob er als Beobachtung gemeint war oder als Warnung. Er passt aber zur Wand vom Morgen, denn in genau dieser Lücke zwischen Effizienz und Menschlichkeit sitzt die Sinnfrage.
Jede Person ist mit zwei Experimenten rausgegangen, eins privat für den nächsten Tag und eins beruflich für die sieben Tage danach. Die Sinnfrage beantwortet so ein Experiment nicht, ein ehrliches Gespräch mit der eigenen Führungskraft vielleicht schon.
Wenn ihr im Unternehmen genau an dieser Stelle steht, zwischen Rollout-Plan und der Frage, was für die Leute bleibt: daran arbeiten wir bei CTRL+ALT+LEAD.





