Am Samstag stand ich ab zehn Uhr in einem Seminarraum an der Schillingbrücke in Berlin. Vor mir Menschen zwischen 16 und 34, Auszubildende und junge Fachkräfte, eingeladen von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft zum Regionaltag KI. Sechseinhalb Stunden an einem Samstag, freiwillig, ohne Anwesenheitspflicht.
Eine Orthopädietechnik-Mechanikerin war dabei, ein Rechtsanwaltsfachangestellter, eine Steuerfachangestellte, Fachinformatiker, ein Kaufmann für Büromanagement. Kein Tech-Publikum. Genau die Berufe, die in deutschen Betrieben tatsächlich ausgebildet werden.
Am Ende des Tages hingen zwei Whiteboards im Raum. Das erste war vom Morgen, das zweite vom Abschluss. Der Unterschied zwischen beiden ist der Grund für diesen Text, und nebenbei das Beste, was ich in diesem Jahr über KI in der Ausbildung gelernt habe.
Was am Morgen an der Wand stand
Der Tag beginnt bei mir nie mit Folien. Die ersten 45 Minuten gehören den Ängsten, anonym auf Zettel geschrieben, danach geclustert und abgestimmt. Erst wenn der Raum entschieden hat, welche Themen an diesem Tag wirklich beantwortet werden müssen, kommt mein Teil.
Das stand auf den roten Zetteln: dass KI die Arbeitsplätze klaut und übernimmt. Dass wir immer unselbstständiger und unkritischer werden. Blindes Vertrauen von anderen, dass die KI immer richtig liegt und alles lösen kann. Überwachung und Kontrolle. Fake News und Propaganda. Die Entwicklung in der Kreativbranche. Und einmal quer über die Mitte, in grossen Buchstaben: Ist KI bereits eine Gefahr für uns Menschen?
Daneben hingen die Fragen, und die waren interessanter als die Ängste. Was gibt es schon, das wir gar nicht kennen? Wie viel weiss KI über mich? Wie kann ich mich als Nutzer auf dem Jobmarkt richtig aufstellen? Wie stelle ich es an, in eine Rolle zu kommen, in der man mit KI arbeitet statt gegen sie?
Das ist keine diffuse Technikangst. Das sind Fragen von Leuten, die längst durchgerechnet haben, was das für sie bedeutet.
Was am Abend an der Wand stand
Das zweite Whiteboard ist die Feedbackrunde um Viertel nach vier. Zwei Spalten: was gefehlt hat, was gewirkt hat.
In der Spalte für Kritik klebten mehrere Zettel mit einem einzigen Wort. Nix. Einmal mit dem Zusatz, das Thema sei einfach gross.
In der anderen Spalte stand, was hängen geblieben ist. Neue KI-Strategien. Besseres Verständnis der Funktionsweise von KI. Dass verschiedene Versionen desselben Modells verschiedene Ergebnisse liefern. Aktuell brauche ich keine Pro-Version, schrieb jemand, und das halte ich für die reifste Erkenntnis des ganzen Tages. Auf einem grünen Zettel: Ich wünsche mir, dass ich KI in Zukunft noch besser nutzen kann, noch effektiver, und ich verstehe jetzt mehr davon, wie sie funktioniert.
Und in fünf verschiedenen Handschriften dieselbe Rückmeldung: das Beste am Tag waren die Diskussionen. Nicht die Tools.

Skill Flux, und warum das für sie kein Problem ist
LinkedIn hat für den Work Change Report gerechnet, dass sich bis 2030 rund 70 Prozent der Fähigkeiten verändern, die heute in den meisten Berufen gebraucht werden. Dieselbe Auswertung sagt, dass jemand, der heute ins Berufsleben startet, im Lauf seiner Karriere etwa doppelt so viele Jobwechsel erleben wird wie jemand, der vor 15 Jahren gestartet ist.
Skill Flux nennt man das inzwischen. Für die 25 Leute in diesem Raum heisst es konkret: ziemlich wahrscheinlich machen sie irgendwann einen Job, den es heute noch nicht gibt.
Das Erstaunliche war, dass ihnen das klar ist. Und dass die meisten damit gut leben können.
Was gegen Skill Flux hilft, ist nämlich nicht das Tool von heute. Es ist die Fähigkeit, eine Antwort nicht sofort zu glauben, eine bessere Frage zu stellen und den nächsten Versuch anders anzulegen. Genau das haben die Leute an diesem Samstag den ganzen Tag gemacht, erst an Einkaufslisten und Lernplänen, nach dem Mittag an ihren eigenen nervigsten Arbeitsprozessen. Wer so arbeitet, ist besser gerüstet als jemand mit zwanzig Jahren Routine in einem Ablauf, den es in drei Jahren nicht mehr gibt.
Um diese Generation mache ich mir wenig Sorgen.
Woran es tatsächlich hakt
Meine Sorge gilt den Betrieben. Ich sitze regelmässig in Runden, in denen über KI entschieden wird. Beiratssitzungen, Vorstandsworkshops, Strategieklausuren. Dort heissen die Themen Use Cases, Plattformwahl, Datenstrategie, Governance. Alles richtig, alles notwendig. Nur redet in diesen Runden selten jemand mit der Neunzehnjährigen zwei Etagen tiefer, die längst eine Meinung dazu hat und sie an einem Samstag freiwillig auf Zettel schreibt.
Vier Dinge lassen sich sofort machen, ohne Budget und ohne Projektantrag.
Fragt eure Azubis, was sie an KI beunruhigt. Anonym, schriftlich, drei Zeilen reichen. Die Antworten sind ehrlicher als die meisten Mitarbeiterbefragungen, weil niemand eine Karriere zu verteidigen hat.
Schreibt auf, was erlaubt ist. Eine halbe Seite genügt: welche Tools, welche Daten auf keinen Fall, wer im Zweifel entscheidet. Schatten-KI entsteht selten aus Böswilligkeit. Sie entsteht, weil niemand da ist, den man fragen kann.
Lasst sie üben, wo nichts passieren kann. Der Aha-Moment am eigenen Trainingsplan bleibt hängen und lässt sich danach auf den Wochenbericht übertragen. Drei Compliance-Folien schaffen das nicht.
Nehmt die Ergebnisse an. Wenn ein Azubi zeigt, wie er seinen Wochenbericht in vier Minuten statt vierzig baut, gehört das in die Teamrunde.
Der Rest
Das eigentliche Erfolgskriterium des Tages war nie die Feedbackrunde. Jede Person ist mit zwei Experimenten rausgegangen, eins privat für den nächsten Tag, eins beruflich für die sieben Tage danach. Ob die gelaufen sind, sehe ich am Wochenende.
Der nächste Regionaltag ist am 17. Oktober in Düsseldorf. Ich nehme dieselbe Umfrage mit und bin gespannt, ob die Wand dort anders aussieht.
Wenn ihr im Unternehmen an derselben Stelle steht, von der Vorstandsklausur bis zum Azubi-Workshop: genau das machen wir bei CTRL+ALT+LEAD.






