56 Prozent der deutschen Unternehmen setzen generative KI-Tools wie ChatGPT, Gemini oder Copilot im Arbeitsalltag ein. 27 Prozent haben ihre Beschäftigten im Umgang damit geschult. Das sind die zwei Zahlen aus der TÜV-Weiterbildungsstudie 2026, für die Forsa zwischen Januar und März rund 500 Weiterbildungsverantwortliche, Geschäftsführer und Vorstände aus Firmen ab 20 Mitarbeitenden befragt hat. Doppelt so viele Firmen nutzen das Werkzeug, wie ihre Leute in KI-Weiterbildung schicken.
Ich hatte diese Zahl noch im Kopf, als ich am Wochenende den Artikel über Südkorea gelesen habe. Und die beiden Meldungen zusammen erklären ziemlich gut, warum ich KI-Weiterbildung für den grösseren Hebel halte als jeden weiteren Zugang.
Was Südkorea gerade baut
Das Programm heisst „AI for All“. Ab September läuft die Beta, im Laufe des Jahres kommt der breite Rollout, und am Ende soll jeder der rund 51 Millionen Südkoreaner kostenlos generative KI nutzen dürfen, ohne Token-Limit. Die Regierung hat drei Konsortien ausgewählt, die die Dienste bauen: zwei davon werden von den grössten Telekommunikationskonzernen des Landes geführt, das dritte vom Betreiber von Kakao, der Plattform, über die in Korea praktisch jeder chattet und bezahlt.
Das Spannende ist der Zuschnitt. Die Dienste sind keine freistehenden Chatbots, sondern hängen an staatlichen Systemen. Bürger buchen damit Arzttermine, suchen Wohnungen, klären Steuerfragen. Kleinbetriebe berechnen ihre Steuer und prüfen, ob sie für Fördermittel in Frage kommen. Eltern bekommen Vorschläge für Lerninhalte.
Seoul stellt einen Teil der Rechenkapazität selbst: bis zu 512 Nvidia B200 werden auf die drei Konsortien verteilt, dazu Zuschüsse zu den Betriebskosten. Das Gesamtbudget für KI liegt 2026 bei rund 10 Billionen Won, umgerechnet 7,2 Milliarden Dollar, dreimal so viel wie im Vorjahr. Erklärtes Ziel ist eine eigene KI-Industrie, die weniger von amerikanischen und chinesischen Modellen abhängt.
Wer sich in Deutschland mit digitaler Souveränität beschäftigt, liest das mit einer Mischung aus Neid und Respekt. Ich auch.
Zugang war nie der Engpass
Aber dann kommt der zweite Gedanke. In Südkorea zahlt heute schon ein Viertel der Bevölkerung für KI-Dienste, in den USA sind es laut einer PNC-Umfrage zwei Prozent. Mehr als 20 Millionen Koreaner nutzen die kostenlosen Varianten. Das Land, das gerade allen KI schenkt, ist ausgerechnet das Land, in dem der Zugang am wenigsten fehlt.
Und in Deutschland? ChatGPT ist seit November 2022 kostenlos. Gemini ist kostenlos. Copilot steckt in jeder Microsoft-Lizenz, die ohnehin bezahlt wird. Wer heute im Mittelstand keine KI nutzt, dem fehlt keine Lizenz. Ihm fehlt entweder der Anlass oder die Fähigkeit.
Die TÜV-Studie liefert dazu einen Satz, der mich mehr beschäftigt als die 56 Prozent: 45 Prozent der befragten Unternehmen sehen keinen Bedarf, KI-Kompetenzen auszubauen. Nicht „kein Budget“. Keinen Bedarf. Die Autoren erklären das damit, dass Firmen den Weiterbildungsbedarf erst erkennen, wenn sie die Technologie schon eine Weile benutzt haben. Wer nie ernsthaft mit dem Werkzeug gearbeitet hat, weiss auch nicht, was ihm fehlt.
Der Hammer, das Brett und die fehlende KI-Weiterbildung
Wer einen Hammer hat, kann damit noch kein Brett sägen. Der Satz klingt banal, beschreibt aber ziemlich genau, was ich in unseren Workshops bei CTRL+ALT+LEAD jede Woche sehe.
Die Lizenzen sind da. Oft seit Monaten. Und dann passiert eines von drei Dingen. Entweder die Leute benutzen das Modell wie eine bessere Suchmaschine, stellen eine Frage in fünf Wörtern und sind enttäuscht von der Antwort. Oder sie vertrauen dem Ergebnis blind, weil es gut formuliert ist, und merken nicht, an welcher Stelle das Modell sich etwas ausgedacht hat. Oder, und das ist der häufigste Fall, sie wollen einen Prozess automatisieren, können ihn aber nicht beschreiben, weil ihn im Unternehmen noch nie jemand aufgeschrieben hat.
Keines dieser drei Probleme löst ein grösseres Token-Kontingent. Alle drei löst gezielte KI-Weiterbildung.
Das ist keine Kritik an Südkorea. Wenn ein Land ohnehin 7,2 Milliarden ausgibt und die Bevölkerung bereits weiss, wie man mit KI arbeitet, dann ist kostenloser Zugang mit Behördenanbindung ein logischer nächster Schritt. Die Frage ist, ob Deutschland an derselben Stelle steht. Mit 27 Prozent geschulten Belegschaften und 45 Prozent, die keinen Bedarf sehen, steht es das nicht.
Was KI-Weiterbildung in dem Fall heisst
Nicht den Prompt-Kurs am Freitagnachmittag. Den haben viele schon hinter sich, und er ändert wenig.
Was fehlt, sind drei andere Dinge. Erstens die Fähigkeit, eigene Arbeit so zu beschreiben, dass eine Maschine sie übernehmen kann: Was kommt rein, was geht raus, wo sind die Ausnahmen. Das ist Prozessdenken, und das lernt man nicht in zwei Stunden. Zweitens Urteilsvermögen gegenüber dem Ergebnis: Wo ist das Modell verlässlich, wo rät es, wann muss ein Mensch nochmal drüberschauen. Drittens, und das betrifft die Führungsebene, die Fähigkeit zu entscheiden, welche Aufgaben man überhaupt an ein Modell geben will und welche bewusst nicht.
Der AI Act verlangt seit Februar 2025 in Artikel 4 ohnehin, dass Unternehmen für ausreichende KI-Kompetenz ihrer Mitarbeitenden sorgen. Die meisten Firmen, mit denen ich spreche, wissen das nicht, oder sie haken es mit einem E-Learning ab.
Wenn also Deutschland, egal ob Bund, Länder oder die Unternehmen selbst, in den nächsten Jahren Milliarden für KI in die Hand nimmt, dann wünsche ich mir einen anderen Schnitt. Rechenzentren und Lizenzen, ja. Aber der grössere Teil in Berufsschulen, Meisterkurse, Hochschulen, betriebliche Weiterbildung und in die Vorstandsetagen, die am Ende entscheiden, wofür das alles gut sein soll.
Werkzeug ohne Handwerk ist Deko. Südkorea kann sich das Werkzeug leisten, weil das Handwerk schon da ist. Deutschland sollte in der umgekehrten Reihenfolge anfangen.






