Ich komm einfach vorbei: Was ein Strassenmusiker über Menschlichkeit weiss

Mein Neffe ist gerade vier geworden und hat ein Idol. Er heisst Hinni, ist Strassenmusiker in Berlin und spielt am Boxi, dem Boxhagener Platz in Friedrichshain. Was an diesem Geburtstag passiert ist, hat mich mehr über Menschlichkeit und KI nachdenken lassen als manche Konferenz, auf der ich in diesem Jahr auf der Bühne stand.

Der Kleine kann Hinni nachmachen, inzwischen mit eigener kleiner E-Gitarre und einer ganzen Sammlung weiterer Instrumente. Seine Eltern haben den Geburtstag deshalb unter das Motto Hinni gestellt. Ich dachte mir, ich schreibe ihm einfach und frage nach einer kurzen Videonachricht, denn für einen Vierjährigen gibt es wenig, was grösser ist als ein Gruss vom eigenen Vorbild.

Hinni antwortete freundlich, eine Frau habe ihn schon gefragt und das Video sei längst unterwegs.
Die Frau war meine Schwägerin.

Dann kam eine zweite Nachricht: «Weisst du was, ich komm einfach vorbei und spiel zwei, drei Lieder.»

Und so stand er an der Party tatsächlich im Wohnzimmer, packte die Gitarre aus und spielte drei Lieder, während mein Neffe mitsang und wir Erwachsenen daneben standen und es kaum glauben konnten. Ich hätte vorher nicht sagen können, wer sich darüber am meisten freuen würde. Hinterher konnte ich es auch nicht, denn selbst Hinni war ein bisschen geflasht.

Was KI kann und was nicht

Ich verdiene mein Geld damit, Unternehmen zu zeigen, was KI alles kann. Mit CTRL+ALT+LEAD sitzen Maartje Keulen und ich oft mit Geschäftsführern aus dem Mittelstand zusammen, und meistens drehen sich die Gespräche darum, was als Nächstes möglich wird. Da geht es um Agenten, die Angebote vorbereiten, um Modelle, die Verträge prüfen, und inzwischen auch um Musik. Ein Song mit Text, Melodie und Gesang entsteht heute in wenigen Minuten, ohne dass jemand ein Instrument anfasst.

Technisch beeindruckt mich das immer wieder. Trotzdem kann keines dieser Systeme das tun, was Hinni an diesem Tag getan hat. Es liest keine Nachricht von einem Fremden, überlegt kurz und entscheidet dann, seine Zeit zu verschenken. Es sitzt nicht im Wohnzimmer und sieht nicht das Gesicht eines Vierjährigen, der sein Vorbild mit der eigenen kleinen E-Gitarre nachmacht und plötzlich merkt, dass genau dieses Vorbild vor ihm steht.

Musiker bewegen Menschen mit ihrer Kreativität. Das war vor jeder KI so, und ich bin ziemlich sicher, dass es so bleibt. Je mehr Songs sich auf Knopfdruck erzeugen lassen, desto mehr fällt auf, wer mit Gitarre in einem Wohnzimmer steht und für genau dieses eine Kind spielt.

Der Wert der Arbeit steckt im Dazukommen

Wenn wir über den Wert von Arbeit reden, landen wir schnell bei Stundensätzen, Effizienz und Business Cases. Ich mache das selbst ständig, in Angeboten, in Workshops und in Rechnungen dafür, wie viele Stunden ein KI-Agent einem Team im Monat abnimmt. Das ist richtig und wichtig, weil ein Unternehmen wissen muss, wofür es Geld ausgibt.

Hinnis Auftritt passt in keine dieser Rechnungen. Er hätte die Videonachricht schicken und es dabei belassen können, und niemand hätte ihm etwas vorgeworfen, weil das Video schon mehr war, als wir erwartet hatten. Er ist trotzdem gekommen, und genau dieses Mehr ist der Teil seiner Arbeit, an den sich alle erinnern.

Für Unternehmen heisst das ganz praktisch: Die Mail, die ein Agent schreibt, merkt sich kein Kunde. Den Projektleiter, der nach dem Go-live noch einmal vorbeikommt und fragt, ob alles läuft, schon. Wer KI klug einsetzt, gewinnt Zeit. Die spannende Frage ist, wofür diese Zeit dann verwendet wird.

Bei CTRL+ALT+LEAD haben wir dafür einen Denkrahmen, den wir CAL.OS nennen. Ganz oben steht «Own»: für Einsatz und Ergebnis einstehen, bei jedem Schritt. Dahinter steckt etwas sehr Menschliches, nämlich dass jemand sagt: Das ist meins, ich kümmere mich, ich komm vorbei.

Was es heisst, ein sehr guter Mensch zu sein

Gross gedacht klingt «ein guter Mensch sein» nach Ehrenamt, Spenden und Haltung in schwierigen Momenten. Das alles zählt. An diesem Geburtstag habe ich aber noch etwas anderes gesehen: Ein sehr guter Mensch ist jemand, der im richtigen Moment Ja sagt, obwohl er genauso gut Nein sagen könnte und es ihm niemand übelnehmen würde.

Hinni kannte unsere Familie nicht, er wusste nur, dass da ein Vierjähriger wartet, der so sein will wie er. Daraus hat er einen Grund gemacht, vorbeizukommen. Dafür brauchte es keinen Plan und kein Budget, sondern die Bereitschaft, sich von einer Nachricht berühren zu lassen und dann tatsächlich loszugehen.

Wenn ich heute über Menschlichkeit und KI spreche, lande ich immer wieder bei diesem Punkt, gerade jetzt, wo KI immer mehr von dem übernimmt, was wir bisher für unsere Arbeit gehalten haben. Gute Menschen erkenne ich an kleinen Entscheidungen, die sie treffen, wenn niemand sie darum bittet, und an dem Satz, den sie dann sagen: «Ich komm einfach vorbei.»

Ich weiss nicht, wie lange mein Neffe noch Strassenmusiker werden möchte. Aber ich bin ziemlich sicher, dass wir ihm von diesem Geburtstag noch oft erzählen werden.


Hinni macht gerade die Challenge «100 Tage, 100 Songs». Vor seiner Solokarriere hat er mit seiner Band Who Killed Frank? schon auf dem Hurricane gespielt, heute schreibt er Indie- und Popsongs über das, was wehtut und sich trotzdem gut anfühlt. Seine Songs findest du auf linktr.ee/hinnihinni, alles Weitere auf hinni-music.de.

Danke, Hinni.

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