Morgen früh um zehn stehe ich in einem Seminarraum an der Schillingbrücke in Berlin. Vor mir 25 Menschen zwischen 16 und 34, Auszubildende und junge Fachkräfte, eingeladen von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft zum Regionaltag KI. Sechseinhalb Stunden an einem Samstag, freiwillig.
Vor solchen Tagen schicke ich immer eine kurze Umfrage vorweg. Was machst du beruflich, was beschäftigt dich beim Thema KI am meisten, was erwartest du von dem Tag. Geantwortet haben eine Orthopädietechnik-Mechanikerin, ein Fluggerätmechaniker im zweiten Lehrjahr, eine Sozialversicherungsfachangestellte bei der AOK, ein Rechtsanwaltsfachangestellter, ein Elektroniker für Betriebstechnik bei einem Energieversorger, eine Steuerfachangestellte, ein Kaufmann für Büromanagement und zwei Fachinformatiker. Das ist kein Tech-Publikum. Das sind die Berufe, die in deutschen Betrieben tatsächlich ausgebildet werden.
Diese Antworten sind der Grund für diesen Text. KI in der Ausbildung sieht von unten anders aus als von oben.
Vier Fragen, die in fast jeder Antwort auftauchen
Das erste Thema ist Datenschutz, und zwar nicht als Compliance-Frage, sondern ganz praktisch: was darf ich überhaupt eingeben? Die Auszubildende bei der AOK schreibt, sie wolle Daten sicher und richtig nutzen. Sie arbeitet mit Gesundheitsdaten. Gesagt hat ihr bisher niemand, was mit einem Chatfenster passiert, in das sie einen Fall tippt.
Das zweite ist Verlässlichkeit. Der Fluggerätmechaniker fragt nach Wahrheitstreue und nach dem Umfang der Quellen, also danach, ob eine Antwort wirklich abdeckt, was er braucht. Er hält Flugzeuge instand. Für ihn ist eine halbrichtige Antwort kein Ärgernis, sondern ein Sicherheitsproblem.
Das dritte ist der eigene Beruf. Die Steuerfachangestellte schreibt von der Angst, ersetzt zu werden. Der Elektroniker fragt, welche Jobs KI übernimmt und wie sich Bildung entwickelt. Der Fachinformatiker nennt Gefährdung von Arbeitsplätzen im selben Atemzug mit Datenschutz und Kosten.
Das vierte hat mich am längsten beschäftigt. Die Orthopädietechnik-Mechanikerin will erkennen können, ob etwas von einer Maschine stammt oder noch echt ist, und sie schreibt von Chatrobotern statt Ansprechpartnern. Einer formuliert es härter: wie gehe ich damit um, wenn der Mensch durch die Maschine ersetzt wird.
Auffällig ist, was nicht dasteht. Niemand schreibt, er wolle produktiver werden. Niemand fragt nach dem besten Tool. Effizienz kommt genau einmal vor, und die Person setzt sie sofort in Beziehung zu Kosten.
Im Vorstand klingt das anders
Ich sitze regelmässig in Runden, in denen über KI entschieden wird. Beiratssitzungen, Vorstandsworkshops, Strategieklausuren. Dort heissen die Themen Use Cases, Plattformwahl, Datenstrategie, Governance, manchmal Make or Buy. Alles richtig, alles notwendig.
Nur redet in diesen Runden selten jemand über die Neunzehnjährige, die zwei Etagen tiefer ihre Ausbildung macht und sich fragt, ob es diesen Beruf in fünf Jahren noch gibt. Sie taucht in der Präsentation als Zeile auf, unter Change Management oder Enablement. Gefragt hat sie niemand.
Wer Angst hat, etwas falsch zu machen, probiert nichts aus. Wer nichts ausprobiert, lernt nichts. Und wer nichts lernt, landet am Ende genau dort, wovor er sich gefürchtet hat.
Was wir am Samstag anders machen
Der Tag beginnt nicht mit Folien. Die ersten 45 Minuten gehören den Ängsten.
Jede Person schreibt zwei Sorgen, eine Hoffnung und eine Frage auf Post-its. Anonym. In Kleingruppen erzählt jede nur, was sie erzählen möchte, und eine Person sammelt ausschliesslich Themen, keine Namen und keine persönlichen Details. Danach clustern wir, dann stimmt der Raum ab, welche zwei Themen an diesem Tag wirklich beantwortet werden müssen.
Erst danach kommt mein Impuls, und auch der besteht aus den Teilen meiner Präsentation, die zu den Themen im Raum passen. Für jede Angst gehe ich vier Schritte: ernst nehmen, eine Geschichte oder ein Beispiel dazu erzählen, klären was wir selbst beeinflussen können, und einen konkreten Test verabreden. Argumente allein räumen keine Angst weg.
Danach 90 Minuten Hands-on im privaten Kontext, weil dort niemand etwas kaputt machen kann. Einkaufsliste, Lernplan, Reiseplanung, Trainingsplan. Nach dem Mittag dieselbe Übung noch einmal, diesmal mit dem eigenen nervigsten Arbeitsprozess. Verstehen, reparieren, dann erst automatisieren.
Am Ende nimmt jede Person zwei Experimente mit. Eins privat für den nächsten Tag, eins beruflich für die nächsten sieben Tage. Dazu die Frage, was sie braucht, damit es klappt.
Was Ausbildungsbetriebe daraus machen können
Vier Dinge lassen sich sofort machen, ohne Budget und ohne Projektantrag.
Fragt eure Azubis, was sie an KI beunruhigt. Anonym, schriftlich, drei Zeilen reichen. Die Antworten sind ehrlicher als die meisten Mitarbeiterbefragungen, weil niemand eine Karriere zu verteidigen hat.
Schreibt auf, was erlaubt ist. Eine halbe Seite genügt: welche Tools, welche Daten auf keinen Fall, wer im Zweifel entscheidet. Schatten-KI entsteht selten aus Böswilligkeit. Sie entsteht, weil niemand da ist, den man fragen kann.
Lasst sie üben, wo nichts passieren kann. Ein privates Beispiel bringt didaktisch mehr als drei Compliance-Folien, weil der Aha-Moment am eigenen Trainingsplan hängen bleibt und sich danach auf den Wochenbericht übertragen lässt.
Nehmt die Ergebnisse an. Wenn ein Azubi zeigt, wie er seinen Wochenbericht in vier Minuten statt vierzig baut, gehört das in die Teamrunde.
Zusammen sind das vielleicht vier Wochen nebenher. Was dabei entsteht, ist ein Klima, in dem Leute sich trauen, etwas auszuprobieren. Das ist KI in der Ausbildung, bevor irgendein Tool eingeführt wird.
Der Rest
Am Samstagabend weiss ich, ob es funktioniert hat. Das Erfolgskriterium ist aber nicht die Feedbackrunde um 16:15 Uhr. Es sind die Experimente, die eine Woche später tatsächlich gelaufen sind.
Der nächste Regionaltag ist am 17. Oktober in Düsseldorf. Ich nehme dieselbe Umfrage mit, und ich bin ziemlich sicher, dass dieselben vier Themen wieder oben stehen.
Wenn ihr im Unternehmen an derselben Stelle steht, von der Vorstandsklausur bis zum Azubi-Workshop: genau das machen wir bei CTRL+ALT+LEAD.






