43 Minuten am Tag: Was zwei Wochen richtiges Abschalten mit mir gemacht haben

43 Minuten. So lange habe ich zwischen dem 3. und dem 16. August im Schnitt pro Tag auf mein Handy geschaut. 91 Prozent weniger als in der Woche davor. Ich habe die Zahl gestern gesehen, beim Sortieren der Urlaubsfotos, und musste zweimal hinschauen.

Vier Minuten davon: Produktivität und Finanzen. Zwei Minuten: Informationen und Lesen. Fünf Minuten: Reisen, also Karten und Wetter. Der Rest verteilt sich auf Kamera und Musik.

Für jemanden, der beruflich über Technologie redet, ist das eine seltsame Statistik. Für mich privat ist es die beste Zahl des Jahres.

Warum ich das überhaupt erwähne

Weil ich schlecht im Abschalten bin. Ich stehe auf Bühnen und erzähle Geschäftsführern, dass Führung auch heisst, mal nicht erreichbar zu sein. Dass ein Unternehmen, das nur läuft, solange der Chef online ist, kein Unternehmen ist, sondern eine Abhängigkeit. Und dann sitze ich sonntagabends im Kalender und schiebe Termine hin und her, weil ich das Gefühl brauche, dass die Woche unter Kontrolle ist.

Das ist die Lücke zwischen dem, was ich sage, und dem, was ich mache. Ich glaube, viele Selbstständige und Geschäftsführer kennen sie.

Diesmal wollte ich sie schliessen. Nicht als Vorsatz, sondern als Experiment: zwei Wochen Spanien, Finca zwischen Orangenbäumen in der Nähe von Barxeta, Familie, keine Termine, kein Teams, kein LinkedIn.

Der Moment, in dem die Sonne verschwand

Am 12. August gab es über der Region eine totale Sonnenfinsternis. Wir lagen am Pool, alle zusammen, und haben zugeschaut, wie es mitten am Nachmittag dunkel wurde. Die Temperatur fällt spürbar. Die Vögel hören auf. Und dann ist da diese schwarze Scheibe mit dem Ring drumherum.

Ich habe in diesen Minuten an nichts gedacht. Nicht an Kunden, nicht an die Keynote im September, nicht an offene Angebote. Das klingt banal, wenn man es aufschreibt. Es war es nicht. Ich weiss nicht, wann mir das zuletzt passiert ist.

Die Firma lief. Das war das Unangenehmste.

Und was ist in diesen zwei Wochen passiert? Nichts.

Maartje hat den Laden geschmissen. Kein Kunde ist abgesprungen, kein Projekt ist gegen die Wand gefahren, keine Deadline ist geplatzt. Die Welt hat zwei Wochen ohne meine Meinung überlebt.

Das musste ich erstmal aushalten. Es gibt diesen kurzen, ziemlich unschönen Moment, in dem der Kopf sagt: Wenn es auch ohne mich geht, wofür bin ich dann da? Der Gedanke ist Quatsch, aber er kommt trotzdem.

Die ehrliche Übersetzung lautet anders: Wenn ein Unternehmen zwei Wochen ohne dich läuft, heisst das nicht, dass du überflüssig bist. Es heisst, dass ihr etwas richtig gebaut habt. Klare Zuständigkeiten, Vertrauen, dokumentierte Prozesse, eine Partnerin, die eigene Entscheidungen trifft statt Rückfragen zu sammeln. Genau das, was wir bei CTRL+ALT+LEAD unseren Kunden empfehlen.

Der Kopf weiss das sofort. Der Bauch braucht länger.

Erreichbarkeit ist kein Führungsinstrument

In vielen Mittelstandsunternehmen, mit denen ich arbeite, ist ständige Erreichbarkeit ein Statussymbol. Wer immer antwortet, ist wichtig. Wer am Samstag Mails schreibt, zeigt Einsatz.

Das Problem daran ist nicht die Work-Life-Balance-Frage. Das Problem ist strukturell. Ein Geschäftsführer, der jede Entscheidung freigeben muss, ist der Flaschenhals seiner eigenen Firma. Jede Anfrage, die auf seinen Tisch wandert, ist eine Entscheidung, die im Team nicht getroffen wurde. Und je zuverlässiger er antwortet, desto weniger lernt das Team, ohne ihn auszukommen.

Zwei Wochen offline sind deshalb kein Urlaubsluxus. Sie sind ein Stresstest für die eigene Organisation. Wenn es kracht, hast du ein Führungsproblem gefunden, das du sonst nie gesehen hättest. Wenn es nicht kracht, weisst du, dass du skalieren kannst.

Ich empfehle das seit Jahren. Selber gemacht habe ich es zum ersten Mal richtig.

Was das mit KI zu tun hat

Ich schreibe viel darüber, was Maschinen übernehmen können. Welche Prozesse sich automatisieren lassen, wo KI im Mittelstand echten Unterschied macht, welche Aufgaben in fünf Jahren niemand mehr per Hand erledigt.

Die ehrlichere Frage ist manchmal eine andere: Was solltest du gar nicht erst übernehmen? Nicht weil eine Maschine es besser kann, sondern weil du in dieser Zeit besser auf einer Wiese liegst.

Wir reden viel über gewonnene Zeit. Über Effizienz, über Stunden, die frei werden. Und dann füllen wir jede gewonnene Stunde sofort wieder mit Arbeit auf. Das ist kein Technologieproblem. Das ist eine Entscheidung.

Was ich mitnehme

Drei Sachen, ganz konkret:

Erstens: Ein Abwesenheitsplan, der den Namen verdient, ist mehr wert als jedes Produktivitätstool. Wer vertritt mich, wer entscheidet was, ab wann wird wirklich angerufen. Das haben wir vorher schriftlich festgelegt, und genau deshalb hat mich niemand angerufen.

Zweitens: Die Apps, die im Urlaub nicht gefehlt haben, brauche ich auch im Alltag seltener, als ich dachte. Vier Minuten Produktivität am Tag waren offensichtlich genug. Das heisst nicht, dass ich im September mit vier Minuten auskomme. Es heisst, dass der Rest Gewohnheit ist und nicht Notwendigkeit.

Drittens: Ich mache das wieder. Nicht in zwei Jahren. Nächstes Jahr, gleiche Länge, gleiche Regeln.

Heute bin ich zurück in Berlin. Ausgeruht, mit Platz im Kopf und ziemlich glücklich darüber, dass diese zwei Wochen der Familie gehört haben und mir selbst.

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