Am 1. Oktober stand ich in Göttingen vor rund 80 Führungskräften aus dem Beratungscenter der Commerzbank. Privatkunden, Unternehmerkunden, Anlage, Baufinanzierung: alle in einem Raum, alle mit Laptop, und ein Vormittag zum Thema KI für Führungskräfte. Auf einer meiner Folien stand ein Truthahn. Es ist das Bild, auf das ich mich bei jeder Keynote am meisten freue, und seit Göttingen kann ich besser erklären, warum.
Die Geschichte vom Truthahn
Bertrand Russell hat sie zuerst mit einem Huhn erzählt, Nassim Taleb hat sie mit dem Truthahn berühmt gemacht. Ein Truthahn wird jeden Morgen vom Bauern gefüttert. Jeder Morgen liefert einen weiteren Beleg für dieselbe Theorie: Der Mensch meint es gut mit mir. Nach 100 Tagen ist der Truthahn ziemlich sicher, nach 1000 Tagen ist er sich so sicher wie nie zuvor in seinem Leben. Dann kommt der Mittwoch vor Thanksgiving.
Das Perfide daran ist, dass sein Vertrauen genau an dem Tag am grössten ist, an dem auch das Risiko am grössten ist. Ausgerechnet seine Erfahrung hat ihn blind gemacht. Und er hätte nichts anders machen können, solange er nur auf seine eigenen Daten schaut.
Warum ich dieses Bild so feiere
Der Truthahn greift niemanden an. Er ist weder faul noch dumm. Er macht genau das, was wir in jeder Ausbildung lernen: Er schaut auf seine Daten, erkennt ein stabiles Muster und leitet daraus eine vernünftige Erwartung ab. Wenn ich vor Führungskräften sage, dass sie sich verändern müssen, geht bei vielen innerlich eine Schranke runter. Wenn ich einen Truthahn zeige, lachen die Leute. Das Lachen macht die Frage leichter, die eigentlich dahinter steckt: Welche meiner Gewissheiten beruht nur darauf, dass es bisher gut gegangen ist?
Dazu kommt, dass das Bild in eine Bank passt wie in kaum eine andere Branche. Kreditentscheidungen, Risikomodelle, Anlageberatung: Das ganze Geschäft lebt davon, aus der Vergangenheit verlässliche Aussagen über die Zukunft abzuleiten. Bankerinnen und Banker wissen, dass ein Modell nach zehn guten Jahren im elften scheitern kann. Das muss ich nicht erklären, ich muss es nur auf die eigene Arbeitsweise umlenken. Wer seit zwanzig Jahren Kundengespräche auf dieselbe Art vorbereitet, hat eine hervorragende Datenbasis dafür, dass das auch weiterhin reicht.
Was ich in Göttingen gelernt habe
Mein Learning aus dem Tag ist unbequemer, als ich vorher gedacht hatte. Der Truthahn hat kein Wissensproblem. Er hätte Thanksgiving nicht vorhersagen können, egal wie klug er ist. Für Führungskräfte heisst das: Gegen den Truthahn-Moment hilft keine bessere Prognose, kein Strategiepapier und kein Tool-Vergleich. Es hilft nur, die eigene Annahme regelmässig zu testen, solange noch gefüttert wird.
Genau so waren die Breakout-Sessions gebaut, ohne Vorgaben von oben. In der ersten Runde ging es um die Frage, was einem selbst eigentlich Zeit frisst. Jede Person hat zuerst allein überlegt, dann zu zweit, dann zu viert, und am Ende stand ein echter Versuch mit KI an einem echten Zeitfresser. In der zweiten Runde ging es ums Team, denn was der Führungskraft hilft, ist für ihr Team noch lange kein Nutzen. Da sitzen Begeisterte neben Skeptikern und neben Leuten, die schlicht überlastet sind. Begeisterung lässt sich nicht anordnen. Was Führung kann: Orientierung geben, Sicherheit schaffen, das Team beteiligen und Raum für kleine erste Erfolge lassen.
Ein Satz aus der Vorbereitung beschäftigt mich seitdem. Viele trauen sich nicht, offen zu sagen, dass sie KI nutzen, weil sie Angst haben, als Schummler dazustehen. Solange das so ist, testet niemand seine Annahmen laut, und jeder sitzt still auf seiner Stange. Eine Führungskraft, die im Teammeeting erzählt, was beim letzten KI-Versuch schiefgegangen ist, bewirkt mehr als jede Richtlinie.
Die Sanduhr
Am Ende stand deshalb keine Liste mit zehn Tools, sondern eine Sanduhr. Fünf Minuten pro Woche, in denen man etwas mit KI ausprobiert, das man sonst bei null anfangen würde. Hochgerechnet auf 50 Wochen sind das gut vier Stunden im Jahr, also lächerlich wenig, und genau darin liegt der Trick. Wer jede Woche einmal seine Routine gegen eine Alternative laufen lässt, wartet nicht auf Tag 1001. Er sammelt jede Woche einen Datenpunkt, der nicht aus der Vergangenheit stammt.
Kandidaten dafür gibt es in jedem Führungsalltag genug: die Vorbereitung auf ein schwieriges Mitarbeitergespräch, das Protokoll vom Jour fixe, die Zusammenfassung eines langen Mail-Verlaufs oder die erste Gliederung für eine Präsentation. Nichts davon ist spektakulär, und genau deshalb fängt man dort an.
Der Adler im Titel meiner Keynote „Vom Truthahn zum Adler“ steht für genau diese Haltung. Er sieht von oben früher, was sich bewegt, und er wartet nicht darauf, gefüttert zu werden. Fünf Minuten pro Woche machen noch keinen Adler. Aber sie sind der Moment, in dem der Truthahn zum ersten Mal den Kopf hebt.
Ich bin mit einem guten Gefühl aus Göttingen weggefahren. Nach einem Vormittag ist niemand KI-Profi, das wäre gelogen. Aber 80 Führungskräfte haben eine Sanduhr mitgenommen, die sie jede Woche an eine Frage erinnert: Welche Annahme füttere ich gerade, ohne sie zu prüfen?
Wenn du so einen Tag zu KI für Führungskräfte planst, mit Impuls und echtem Ausprobieren statt Folienschlacht, sprich mich an. Mehr zu unserer Arbeit findest du bei CTRL+ALT+LEAD, meine Keynotes auf sebastian-winkler.de.





