Drei Tage ohne Balken

Familienselfie in der Böhmischen Schweiz während drei Tagen Digital Detox ohne Empfang

Ich verdiene mein Geld damit, Firmen in die KI-Zukunft zu begleiten. Workshops, Keynotes, Strategiegespräche auf Vorstandsebene. Mein Kalender ist eine Maschine, die selten stillsteht. Letztes Wochenende stand sie drei Tage komplett still. Nicht weil ich es geplant hatte, sondern weil es in der Böhmischen Schweiz schlicht keinen Empfang gab. Drei Tage Digital Detox – unfreiwillig und genau zum richtigen Zeitpunkt.

Pfingsten, ein Zelt, ein Wald an der tschechischen Grenze. Kein Balken, kein Edge, nicht mal das trotzige Flackern einer Nachricht, die vielleicht doch noch durchkommt. Drei Tage komplett offline mit der Familie. Anfangs hab ich das als Problem empfunden. Am Ende war es das Beste an der ganzen Reise.

Der Phantom-Griff in die Hosentasche

Die ersten paar Stunden waren ehrlich gesagt unangenehm. Meine Hand hat alle paar Minuten in die Hosentasche gegriffen. Reflex. Wofür eigentlich? Keine Ahnung. Da war ja nichts, das ich hätte checken können, und trotzdem wollte irgendein Teil von mir nachsehen, ob die Welt ohne mich noch dreht.

Dann war dieser Reflex weg. Einfach so. Irgendwann am ersten Abend hab ich gemerkt, dass ich seit Stunden nicht mehr an mein Handy gedacht hatte. Und das war ein komisches, fast fremdes Gefühl.

Was Digital Detox wirklich verändert: Wenn nichts mehr reinkommt

Wir waren 24 Stunden am Stück draussen. Meine Kinder haben Stöcke gesammelt, als wären es kleine Schätze. Wir sind über Felsen geklettert, an einer Wand stand so ein Schild, Adrenalin Challenge, und wir haben uns durchprobiert. Abends sassen wir am Feuer und ich habe zum ersten Mal seit Monaten keinen einzigen Gedanken an meinen Posteingang verschwendet.

Keine Benachrichtigung hat meine Aufmerksamkeit zerhackt. Kein kurzer Blick aufs Display, der aus zehn Minuten Präsenz wieder zehn Sekunden macht. Ich war einfach da, und das war genug.

Die Ironie meines Jobs

Hier kommt der Teil, der mich seitdem nicht loslässt. Ich baue beruflich Systeme, die Menschen helfen sollen, schneller und besser zu arbeiten. Daran glaube ich auch, das ist kein Marketing. KI nimmt uns echte Last ab, wenn man sie richtig einsetzt.

Aber das beste Update der letzten Wochen kam nicht aus einem Tool. Es kam aus dem genauen Gegenteil. Aus drei Tagen ohne ein einziges. Und das ist eine unbequeme Erkenntnis für jemanden, der von Effizienz lebt.

Produktiv, aber wofür?

Wir reden in unserer Branche ständig darüber, wie wir Zeit sparen. Automatisieren, beschleunigen, optimieren, bis nichts mehr im Weg steht. Aber wir reden viel zu selten darüber, wofür wir die gesparte Zeit eigentlich nutzen.

Wenn ich jede freigewordene Minute sofort wieder mit Erreichbarkeit fülle, hab ich nichts gewonnen. Dann ist KI nur ein schnellerer Weg, um durchgehend beschäftigt zu sein. Produktivität ohne bewusstes Abschalten ist kein Fortschritt. Es ist nur ein volleres Hamsterrad.

Das ist auch etwas, das ich bei CTRL+ALT+LEAD immer wieder bei Führungskräften sehe. Die Technik ist selten das Problem. Das Problem ist die Annahme, dass mehr Tempo automatisch mehr Wert bedeutet.

Was ich aus dem Digital Detox mitnehme

Nächstes Quartal plane ich mir wieder so ein Funkloch ein. Diesmal mit Absicht. Nicht als Flucht vor der Arbeit, sondern als Teil davon. Denn die besten Ideen für Kunden kommen mir selten am Schreibtisch. Sie kommen, wenn der Kopf mal nicht im Empfangsbereich ist.

Vielleicht ist das die eigentliche Führungsaufgabe der nächsten Jahre. Nicht noch ein Tool einzuführen, sondern zu entscheiden, wann das beste Werkzeug das ausgeschaltete ist.

Wann warst du das letzte Mal richtig offline? Nicht Handy auf lautlos. Sondern wirklich nicht erreichbar.

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