Innovation ist kein Luxus, sie ist unsere Verantwortung

Innovation ist kein Luxus. Zwei Steine im Schuh, ein sinkender Patentanteil und eine sehr persönliche Frage.

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr einen Stein im Schuh habt? Diese Unruhe, die euch nicht loslässt? Genau diese Unruhe spüre ich, wenn ich an unsere Wirtschaft denke. Die Spannung zwischen Iteration und Innovation. Zwischen Angst und Planung. Zwischen Wollen und Mut.

Ich habe zwei Steine im Schuh: meine beiden Töchter. Ich möchte, dass sie in einem florierenden Wirtschaftsstandort aufwachsen und nicht in einem Museum. An einem Ort, für den es sich zu leben lohnt. An einem Ort, der Zukunft hat.

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Und dafür brauchen wir Innovation.

Nicht morgen. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.

Die Zahlen hinter dem Gefühl

Das Unbehagen ist keine Stimmung, es steht in den Statistiken. Die Bertelsmann Stiftung hat im Mai 2026 eine Auswertung vorgelegt, die den Rückgang ziemlich nüchtern beschreibt: Der deutsche Anteil an weltweit angemeldeten Patenten ist zwischen 2000 und 2022 von 21,9 auf 15 Prozent gefallen, und seit 2018 sinkt auch die absolute Zahl der hier entstehenden Patente. Beim Anteil an den weltweiten Forschungsausgaben sieht es ähnlich aus, von 8,5 Prozent im Jahr 2008 auf 5,6 Prozent im Jahr 2021, vom vierten auf den sechsten Platz.

Am deutlichsten trifft es ausgerechnet die Branchen, auf die wir besonders stolz sind. In der Pharmazie ist der Patentanteil von 13,1 auf 4,4 Prozent gefallen. Die Autoindustrie liegt bei den Forschungsausgaben inzwischen hinter Japan und China auf Platz drei. Und während die deutsche Industrie ihre Anmeldungen im Schnitt um 0,4 Prozent pro Jahr steigert, schaffen die USA 1,6 Prozent, die Schweiz 1,8 Prozent und Österreich 3,0 Prozent.

Iteration fühlt sich an wie Fortschritt

Das Tückische an diesem Rückgang ist, dass er sich von innen gut anfühlt. Wer jedes Jahr eine bessere Version des Vorjahresprodukts baut, erlebt Bewegung, meldet Verbesserungen und füllt damit mühelos die Quartalspräsentation. Iteration ist messbar, planbar und angenehm, und genau deshalb frisst sie in vielen Häusern die Zeit, die eigentlich für den unbequemen Teil gedacht war.

Innovation beginnt dagegen mit einem Satz, den kaum ein Vorstand gern ausspricht: Wir wissen nicht, ob das funktioniert. Wer diesen Satz nie sagt, hat kein Risiko im Portfolio, und wer kein Risiko im Portfolio hat, verwaltet.

Was ich in Sitzungen höre

Der häufigste Satz lautet: Wir machen das, sobald das Kerngeschäft wieder stabil läuft. Er klingt vernünftig, verantwortungsvoll und sogar demütig, und er ist trotzdem der teuerste Satz im ganzen Raum. Denn das Kerngeschäft läuft entweder gut, dann fehlt der Anlass, oder es läuft schlecht, dann fehlt das Geld. Ein Zeitfenster, in dem beides gleichzeitig passt, gibt es in keinem Kalender.

Der zweite häufige Satz: Dafür haben wir keine Leute. Das stimmt meistens sogar, verschweigt aber, dass niemand benannt wurde. Eine Aufgabe ohne Namen im Organigramm ist eine Aufgabe, die nebenbei erledigt werden soll, und nebenbei heisst in den meisten Unternehmen gar nicht.

Wo ich anfangen würde

Mit drei Fragen, die in die nächste Sitzung passen. Erstens: Welcher Anteil unserer Entwicklungszeit fliesst in Dinge, deren Ergebnis wir noch nicht kennen? Zweitens: Wer trägt dafür namentlich die Verantwortung und mit welchem Mandat? Drittens: Wann haben wir zuletzt etwas eingestellt, weil es nicht funktioniert hat, und was ist mit den Leuten passiert, die daran gearbeitet haben?

Wer diese drei Fragen stellt, hat noch nichts verändert. Aber der Unterschied zwischen Iteration und Innovation steht damit zum ersten Mal auf der Tagesordnung, und das ist mehr, als die meisten Strategieklausuren an einem ganzen Tag schaffen.

Meine beiden Steine im Schuh werden in zwanzig Jahren in dem Land arbeiten, das wir jetzt bauen oder eben verwalten. Das ist der Grund, warum ich diese Frage nicht für eine Standortdebatte halte, sondern für eine sehr persönliche.

Häufig gestellte Fragen

Warum steht der Innovationsstandort Deutschland unter Druck?

Weil die Anteile sinken. Der deutsche Anteil an weltweit angemeldeten Patenten ist zwischen 2000 und 2022 von 21,9 auf 15 Prozent gefallen, der Anteil an den weltweiten Forschungsausgaben zwischen 2008 und 2021 von 8,5 auf 5,6 Prozent. Seit 2018 geht auch die absolute Zahl der hier entstehenden Patente zurück.

Was ist der Unterschied zwischen Iteration und Innovation?

Iteration verbessert das, was es schon gibt, mit bekanntem Risiko und planbarem Ergebnis. Innovation beginnt mit der Möglichkeit zu scheitern. Beides braucht ein Unternehmen, aber nur eines davon steht zuverlässig in der Jahresplanung.

Wie fängt ein mittelständisches Unternehmen mit Innovation an?

Mit einem festen Anteil an Zeit und Geld, der nicht jedes Quartal gegen das Tagesgeschäft verteidigt werden muss, mit einer benannten Person und einem echten Mandat, und mit einer Sitzung im Jahr, in der ausschliesslich über das gesprochen wird, was noch nicht funktioniert.

Diese Frage nehme ich mit auf die Bühne und in den Sitzungssaal. Wie das als Vortrag klingt, steht auf der Seite zu meinen Keynotes, und was ich als Mitglied eines Gremiums damit anfange, im Abschnitt zum Beiratsmandat. Für Kammern und Wirtschaftsförderungen, die diese Frage vor ihren Unternehmen stellen wollen, gibt es eine eigene Seite dazu.

Zahlen aus der Patent- und Forschungsanalyse der Bertelsmann Stiftung vom Mai 2026.

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