Neun Jahre lang waren die Deutschen Digitalen Beiräte ein Netzwerk. Jetzt sind wir ein Verein. Und ja, ich weiss wie das klingt. Nach Satzung, Geschäftsordnung und einer langen Mitgliederversammlung mit Kaffee aus der Thermoskanne.
Aber so einfach ist es nicht.
Auf unserer Frühjahrskonferenz im Munich Urban Colab haben wir aus dem Netzwerk DDB offiziell den Verein Deutsche Digitale Beiräte e.V. gemacht. Ralf Lauterbach, der die DDB vor neun Jahren gegründet und seitdem aufgebaut hat, hat den Staffelstab an einen zehnköpfigen Vorstand übergeben. Er bleibt als Ehrenvorsitzender an Bord. Und er hat dafür Standing Ovations bekommen, die er sich verdient hat.
Ich bin Teil dieses Vorstands.
Das ist der Punkt an dem ich kurz erklären will, warum mich dieser Schritt mehr begeistert als eine Vereinsgründung das normalerweise tut.
Ein Netzwerk lebt von gutem Willen. Ein Verein von Struktur.
Ein Netzwerk ist eine schöne Sache. Du kennst Leute, du triffst dich auf Konferenzen, du tauschst dich aus, manchmal entsteht ein Mandat oder eine Empfehlung. Das hat neun Jahre lang funktioniert. Aus einer Austauschplattform engagierter Digitalexpertinnen und Digitalexperten ist eines der führenden Netzwerke für digitale Governance, KI-Kompetenz und zukunftsorientierte Beirats- und Aufsichtsratsarbeit geworden.
Aber ein Netzwerk hat eine Grenze. Es lebt von gutem Willen und davon, dass die richtigen Leute sich zufällig kennen. Wenn der Zufall ausfällt, fällt auch der Wert aus.
Ein Verein ändert das. Er gibt uns eine Struktur, in der Verantwortung verteilt ist, in der Entscheidungen nachvollziehbar getroffen werden und in der die Arbeit nicht an einer einzigen Person hängt. Genau das ist der Unterschied zwischen einem netten Kreis und einer Institution, der ein Mittelständler vertraut wenn es um seine Digitalstrategie geht.

Warum mein Ressort in Wahrheit Sichtbarkeit heisst
Ich verantworte die Mitglieder. Und wenn ich ehrlich bin, ist das in Wahrheit ein Ressort für Sichtbarkeit.
Schaut euch die Zahlen an. 130 Mitglieder. 350 Mandate. Zusammen 999 Jahre Erfahrung in Beiräten und Aufsichtsräten. Das ist keine Spielerei und kein loser Club. Das ist eine geballte Tiefe an Erfahrung, die in den Aufsichts- und Beiratsgremien des deutschen Mittelstands sitzt und die bisher viel zu oft unter dem Radar lief.
Genau da liegt das eigentliche Problem, das wir lösen wollen. Im Mittelstand suchen Geschäftsführerinnen und Inhaber händeringend nach Leuten, die KI nicht nur als Buzzword durch eine PowerPoint jagen, sondern verstehen was sie im Gremium wirklich bedeutet. Diese Leute gibt es. Sie sitzen bei uns. Aber wenn niemand sie findet, nützt die beste Erfahrung nichts.
Meine Aufgabe für die nächste Zeit: dafür sorgen, dass eine Geschäftsführerin in Bielefeld oder ein Inhaber in Pforzheim weiss, dass es hier Menschen gibt, die schon dreissig Mal am Tisch sassen wenn es hart wurde mit Digitalisierung und Governance. Sichtbar machen, wer wir sind und was wir können. Das geht mit einer Vereinsstruktur im Rücken deutlich besser als mit einem losen Verteiler.
KI-Agenten im Mittelstand: das Jahresthema
Es ging in München nicht nur um Formalien. Unser Jahresthema war KI-Agenten im Mittelstand, und das hat die zwei Tage geprägt. In einer Fishbowl-Diskussion, die ich gemeinsam mit Marianne Bullwinkel moderieren durfte, haben wir mit Praktikern aus Industrie und Start-up-Welt über genau die Fragen gesprochen, die Vorstände und Beiräte gerade umtreiben. Was können diese Agenten wirklich? Wo ist der Hype und wo der echte Hebel? Und was heisst das für die Governance, wenn auf einmal Software eigenständig Entscheidungen vorbereitet oder sogar trifft?
Das sind keine akademischen Fragen. Das sind die Fragen, die in den nächsten Aufsichtsratssitzungen auf dem Tisch liegen. Und es ist genau die Art von Thema, für die ein Mittelständler einen Beirat braucht der weiss wovon er redet.
Danke an dieser Stelle an UnternehmerTUM für die Gastfreundschaft und an Thomas Zeller und Dr. Jennifer Kaiser-Steiner für die Einblicke in eines der stärksten Innovationsökosysteme Europas. Wer einmal gesehen hat, wie dort Wissenschaft, Wirtschaft und Start-ups zusammenkommen, versteht warum Tempo und Struktur kein Widerspruch sind.
Warum ich ehrlich happy bin
Ich bin nicht der Typ, der bei jeder Vereinsgründung in Jubel ausbricht. Aber dieser Schritt ist anders. Er nimmt etwas, das neun Jahre lang aus Idealismus und gutem Willen gewachsen ist, und stellt es auf ein Fundament, das trägt.
Verbindlichkeit statt Zufall. Struktur statt Bauchgefühl. Und ein klarer Auftrag für jeden im Vorstand, statt der Hoffnung, dass es schon irgendwer machen wird.
Ralf, danke für neun Jahre Aufbau, Engagement und Weitsicht. Joachim Kürten, dir und dem ganzen Vorstand: lass uns loslegen.
Und an alle, die im Mittelstand mit Beirats- und Aufsichtsratsarbeit zu tun haben: Wo seht ihr die grösste Lücke zwischen dem, was ein Beirat eigentlich können sollte, und dem, was wirklich am Tisch passiert? Schreibt es mir. Genau solche Antworten brauche ich für mein neues Ressort.
Mehr zu Sebastian bei den DDB: https://www.deutsche-digitale-beiraete.de/sebastian-winkler.html