Letzte Woche war ich beim AI Experience Day von Bechtle Greenfield. Ein ganzer Tag KI: Panels, Demos, Use Cases. Dazu ein Workshop, den ich gemeinsam mit Dr. Philine Erfurt Sandhu und Noemi Ingold vom Berliner Institut für Governance & Leadership gehalten habe. Und wenn ich den Tag auf einen Satz eindampfen müsste: KI im Aufsichtsrat scheitert nicht an der Technik. Sie scheitert an der Führung.
Das klingt provokant. Ist aber die nüchterne Beobachtung aus allen Panels, allen Pausengesprächen und unserem eigenen Workshop.

Zwei Dimensionen, ein Engpass
KI beschäftigt Aufsichtsrätinnen und Aufsichtsräte in zwei Richtungen. Die erste: die eigene Nutzung, zum Beispiel LLMs in der Vorbereitung von Sitzungen. Die zweite: die Auswirkungen von KI auf das ganze Unternehmen, vom Geschäftsmodell bis zu den Governance-Systemen.
Bei beiden Dimensionen zeigt sich dasselbe Muster. Die Technik ist da. Die Modelle sind gut genug. Was fehlt, ist etwas anderes. Vier Fragen entscheiden darüber, ob KI im Gremium ankommt:
Hält die Entscheidungsgeschwindigkeit im Aufsichtsrat und im Topmanagement mit der Geschwindigkeit der Technologie Schritt? Gibt es ein belastbares Inventar der KI-Anwendungen im Unternehmen und eine passende Governance dazu, oder wuchern verstreute Insellösungen? Ist die KI-Einführung als Transformationsprozess aufgesetzt, bei dem Menschen mitgenommen werden? Und gibt es für die Steuerung belastbare ROI-Analysen der Use Cases?
Keine dieser Fragen ist eine IT-Frage. Alle vier sind Führungsfragen.
Was ein LLM in der Sitzungsvorbereitung wirklich kann

In unserem Workshop ging es konkret zur Sache: LLMs in der Vorbereitung von Aufsichtsratssitzungen. Was sind gute Prompts? Anhand eines Fallbeispiels haben die Teilnehmenden selbst erlebt, was heute schon geht. Das LLM lieferte solide Zahlen zur Geschäftsentwicklung, rechnete Investitionen durch und schlug alternative Geschäftsfelder vor. In Minuten, nicht in Tagen.
Das ist der Teil, der viele überrascht. KI ist richtig gut in Analyse und Research. Wer sich heute noch alleine durch hunderte Seiten Vorstandsunterlagen wühlt, ohne ein LLM als Sparringspartner zu nutzen, verschenkt Zeit und Qualität in der Vorbereitung.
Die Grenze: Im Gremium entscheiden Menschen
Und dann kommt die Grenze. Im Gremium sitzen Menschen mit Interessen, Haltungen und Beziehungen. Entscheidungen fallen nicht auf Basis der besten Analyse, sondern im Zusammenspiel dieser Menschen. Das braucht Gespür, Erfahrung und Vorbereitung. KI ersetzt davon nichts.
Aber sie kann etwas, das in Gremien chronisch zu kurz kommt: den Perspektivwechsel. Wie blickt der Betriebsrat auf die geplante Investition? Welche Interessen könnte der Grossaktionär verfolgen? Bei welchen Interessen gibt es Schnittmengen? Genau diese Fragen lassen sich mit einem LLM hervorragend durchspielen, bevor man in die Sitzung geht. Der Mensch bleibt in der Schleife. KI gehört ins eigene Urteilsvermögen integriert, nicht als Ersatz dafür.
Zusammen lernen schlägt Strategiepapier
Mein Moment des Tages war aber ein anderer. Ein Raum voller Aufsichtsrätinnen und Aufsichtsräte, die gemeinsam an Prompts schrauben, sich gegenseitig über die Schulter schauen und laut denken. Keine Hochglanz-Folien, keine Buzzword-Vorträge. Einfach gemeinsames Ausprobieren.
Zusammen lernen ist richtig gut. Und ich meine das nicht als Floskel. Genau so kommt KI in die Gremien: Leute an den Rechner, echtes Fallbeispiel, echte Prompts, ehrliche Diskussion über die Ergebnisse. Ein Nachmittag gemeinsames Üben bringt mehr als drei Strategie-Workshops mit Folien.

Was das für euer Gremium heisst
Drei Dinge, die jeder Aufsichtsrat und Beirat jetzt anpacken kann. Sich selbst ein LLM in die Sitzungsvorbereitung holen und mit einem echten Fall üben. Vom Vorstand ein Inventar der KI-Anwendungen im Unternehmen einfordern, inklusive Governance und ROI-Betrachtung. Und die KI-Einführung als Transformationsprozess behandeln, nicht als Software-Rollout.
Als digitaler Beirat bei den Deutschen Digitalen Beiräten arbeite ich genau an dieser Schnittstelle: Digitalisierung und KI dahin bringen, wo entschieden wird. Wenn ihr darüber reden wollt, wie das in eurem Gremium aussehen kann, meldet euch.
Die Technik ist bereit. Die Frage ist, ob die Führung es auch ist.