Nachtzug nach Amsterdam: So sieht KI-Beratung wirklich aus

Für euch getestet. 23:11 Uhr. Berlin Ostbahnhof. Gleis 6.

Ich stehe mit Rucksack und Laptop auf dem Bahnsteig und warte auf den Nachtzug nach Amsterdam. Morgen Workshop beim Kunden. Die Alternative wäre der Flieger um 6 Uhr gewesen. 3.30 Uhr aufstehen, U-Bahn zum BER, Sicherheitskontrolle, Gate, Boarding, eine Stunde fliegen, Schiphol, Zug in die Stadt. Zu früh, zu viel Flugzeug.

Also dachte ich mir: „Schön ausgeschlafen da ankommen – das wär’s.“

Spoiler: Ausgeschlafen bin ich nicht angekommen. Aber der Reihe nach.

Die Qual der Wahl: Vier Möglichkeiten, eine Nacht

Wenn du einen Nachtzug buchst, klingt das erstmal romantisch. Sanftes Rattern, Mondlicht, morgens in einer anderen Stadt aufwachen. Die Realität beginnt mit einer Buchungsseite die dir vier Kategorien anbietet, und jede hat ihre eigene Sorte Abenteuer.

Option 1: Sitzschlafend im 6er-Abteil. Kam direkt nicht in Frage. Ich hab das einmal über Nacht von Düsseldorf nach Berlin gemacht und es war eine Katastrophe. Sechs Menschen in einem Abteil, das für vier gemacht wurde, jemand der laut atmet, jemand der um 3 Uhr sein Essen auspackt. Nie wieder.

Option 2: Liegend im Schlafwagen im 6er-Abteil. Klingt besser, als es ist. Klang mir nach zu vielen Sinneseindrücken. Sechs Fremde in einem Raum der fünf Quadratmeter hat, dazu Schnarchen in Surround Sound. Nein danke.

Option 3: Einzel-Schlafabteil. Die Traumoption. Eigene Kabine, eigene Tür, eigene Ruhe. Was mir zu teuer war. Vielleicht beim nächsten Mal wenn ich mir einrede dass es eine Investition in meine Produktivität ist.

Option 4: 2er- oder 3er-Schlafabteil „Comfort“. 1,90 m Bettlänge, nur zu zweit als Option verfügbar. Ein Kompromiss zwischen ‚Luxus‘ und Lotterie.

Ich hab mich für Option 4 entschieden.

Das Glücksspiel mit dem Abteilnachbarn

Wenn du ein 2er-Abteil im Nachtzug buchst und keinen Reisepartner hast, spielst du automatisch Lotterie. Du weisst nicht, wer die andere Liege gebucht hat. Du weisst nicht, ob diese Person schnarcht, telefoniert oder um Mitternacht beschliesst, dass jetzt ein guter Zeitpunkt für Knoblauch-Chips wäre.

Die Fragen, die mir durch den Kopf gingen: Mit wem teile ich mir das Abteil? Schnarcht der noch mehr als ich? Wird sie die ganze Nacht arbeiten? Oder er die ganze Nacht Bier trinkend sich auf ein Auswärtsspiel seiner Mannschaft vorbereiten?

Am Ende war es der Jackpot. Ein Vater zweier Kinder im ähnlichen Alter, auf dem Weg zu einem Geschäftstermin. Und unsere Unterhaltung hätte nicht besser sein können: Berlin, unsere Kids, Unternehmertum, Zukunft, Geschäftsführung, Machine Learning und KI. Zwei Stunden, die sich anfühlten wie ein richtig gutes Mittagessen mit einem alten Bekannten. Nur dass wir uns eine Stunde vorher noch nicht kannten.

Das passiert dir in keinem Flieger. Da sitzt du mit Noise-Cancelling-Kopfhörern neben jemandem und tust so, als wäre der andere nicht da. Im Nachtzug teilst du dir vier Quadratmeter und irgendwann fängt man halt an zu reden. Also eigentlich direkt am Anfang, wenn man sich darüber austauscht, dass man alte romantische Vorstellugen vom Nachtzug hat(te).

Die Wahrheit über das Schlafen

Geschlafen habe ich dann doch nicht viel. Zu klein, zu unruhig. Um 4 Uhr klingelte ein Telefon. Es war sehr warm oben unter der Decke. Und es hatte nix mehr von der Romantik von vor 15 Jahren, als wir aus Ungarn mit dem Nachtzug nach München gefahren sind.

Damals war alles ein Abenteuer. Man war Anfang zwanzig, hatte keine Meetings am nächsten Morgen und konnte den Schlafmangel mit zwei Espresso und jugendlichem Leichtsinn kompensieren. Heute bin ich älter, habe einen Workshop zu leiten und der Espresso muss deutlich stärker sein.

Trotzdem mochte ich die Fahrt. Es gibt etwas an der Langsamkeit des Zuges, das mich runterbringt. Kein Flughafen-Stress, keine Sicherheitskontrolle, kein „bitte schalten Sie jetzt Ihre Geräte aus“. Du steigst ein, die Tür geht zu, der Zug fährt los. Und dann hast du sechs Stunden, in denen du nichts musst ausser da zu sein.

Nächstes Ziel: Paris

Ich werde es wieder versuchen. Und ich weiss auch schon, wohin.

Jetzt brauche ich einen Kunden in Paris. Da wollen die Kinder nämlich auch mit hin und der Nachtzug fährt ab kommender Woche von Berlin nach Paris. Wenn ich den Business Case mit dem Family Case verbinden kann, wird das der beste Travel-Hack meiner Karriere sein.

Und dann: Workshop

Aber erstmal Amsterdam. Auf geht es zum KI-Workshop mit Maartje Keulen und CAL | CTRL+ALT+LEAD. Ein Team, das bereit ist etwas zu verändern. Keine Slides. Alles Hands-On mit viel Machen und selber Erleben.

Die Energie ist hoch, die Erwartungen auch. Und ich stehe nach vier Stunden Schlaf mit einem holländischen Kaffee in der Hand am Amsterdamer Hauptbahnhof und bin trotz allem bereit. Vielleicht gerade deswegen. Es gibt eine besondere Klarheit, die kommt, wenn man müde genug ist, um den Filter auszuschalten und nur noch das zu sagen, was wirklich zählt.


Sebastian Winkler ist Co-Founder von CTRL+ALT+LEAD und digitaler Beirat. Und offenbar Stammgast im Nightjet 😉

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