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Die große Arbeiterlosigkeit: Warum eine schrumpfende Bevölkerung unseren Wohlstand bedroht und was wir dagegen tun können

Die große Arbeiterlosigkeit

Die große Arbeiterlosigkeit

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ISBN: 3959725957

Die große ArbeitERlosigkeit

Wir alle kennen Arbeitslosigkeit – Die neue Herausforderung ist die Arbeiterlosigkeit!

Die Bevölkerungsentwicklung kannte über Jahrhunderte nur eine Richtung: Wachstum. Doch nun zeichnet sich eine Trendwende ab: Die Bevölkerung wird schrumpfen. In Deutschland, in Europa, und bald auf der ganzen Welt. Sinkt mit ihr auch unser Wohlstand? Droht uns eine jahrzehntelange Rezession, gar ein Jahrhundert des Rückschritts?

 

Take Aways

Nobelpreisträger Paul Krugman mit wenigen Sätzen klar: »Productivity isn’t everything, but in the long run it is almost everything.«“ Denn: »A country’s ability to improve its standard of living over time depends almost entirely on its ability to raise its output per worker.« Wenn wir die Produktivität erhöhen, bedeutet das also nichts an-deres, als dass wir bei gleichem Arbeitseinsatz mehr produzieren.

Produktivität

Die Pro-Kopf-Produktivität steigt. Und steigt die Pro-Kopf-Produktivität in einem Land, legen auch die Einkommen zu.“ Die Steuereinnahmen schwellen an, ebenso die Sozialbeiträge. Kurzum: der Wohlstand steigt.

 

Viele Erfindungen in der Menschheitsgeschichte sind deswegen ein so großer Erfolg, weil sie die Produktivität und damit unseren materiellen Wohlstand erhöht haben. Dank Pflug und Ochse konnten unsere Vorfahren den Ackerboden leichter und schneller be-arbeiten. Mithilfe der Mühle mahlten sie plötzlich deutlich mehr Korn. Nach Erfindung der Eisenbahn konnten sie Waren leichter von einem Ort zum anderen transportieren. Schließlich reduzierte der Schweißroboter die Zeit, die es benötigt, ein Auto herzustellen.

 

Und vielleicht werden irgendwann in der Zukunft Roboter für uns kochen, sodass wir mehr Zeit für produktivere Tätigkeiten haben.

 

Immer wieder waren es Erfindungen, neue Maschinen oder Prozesse, die uns produktiver gemacht haben. Die Dampfmaschine, der Computer, der Industrieroboter – sie alle haben dafür gesorgt, dass ein einzelner Mensch mehr leisten, mehr produzieren konnte.

 

Und damit trugen sie dazu bei, dass unser materieller Wohlstand über die vergangenen Jahrhunderte um ein Vielfaches gestiegen ist.

1764 kurbelte er zum ersten Mal an seiner »Spinning Jenny«, der ersten industriellen Spinnmaschine der Welt. Damit konnte ein Spinner von nun an nicht nur einen Faden, sondern gleich acht Fäden gleichzeitig herstellen. Wir mögen das heute banal finden. Aber erinnern Sie sich an eine Erfindung, an eine Idee, welche die Produktivität eines Mitarbeiters um das Achtfache gesteigert hat? Können Sie sich vorstellen, morgen auf einmal das Achtfache zu erledigen?

Massenproduktion

Hargreaves Erfindung bedeutete einen gewaltigen Produktivitätssprung für die Textilindustrie. Sie erhöhte die Pro-Kopf-Produktivi-tät in Spinnereien um ein Vielfaches. Die Zeit, ein Kilo Baumwolle in Kleidung zu verarbeiten, reduzierte sich dank vieler weiterer Erfindungen in den kommenden Jahren von 36 auf nur noch drei Stunden. Innerhalb kürzester Zeit entstanden zunächst in England, später in ganz Europa und den USA Textilfabriken.

Es war die Geburtsstunde der Massenproduktion. Immer mehr Waren wurden nicht mehr per Hand, sondern von einer Maschine hergestellt. Erst ihr Einsatz ließ die Leistung eines einzelnen Arbeiters um ein Vielfaches steigern.

Wir verbinden die industrielle Revolution häufig mit Kohle und Stahl, mit der Produktion von Maschinen, Traktoren und den ersten Autos.

»Ford Families« konnten sich ein eigenes Haus leisten, fuhren das erste Mal in den Urlaub, ihre Kinder mussten nicht mehr arbeiten. Die amerikanische Mittelklasse war geboren.

Der Erfolg von Ford machte den »Manufacturing Belt« im Nordosten zum Zentrum der Industrie. Mit Chrysler und General Motors wurde die gesamte Region zum Sinnbild des American Dream. Für Henry Ford war die Rechnung allerdings ganz simpel: Mit dem 5-Dollar-Programm sicherte er sich die wichtigste Ressource für den Aufschwung von Ford: den Arbeiter.

Industrialisierung

Die Industrialisierung der USA veränderte das Leben der Amerikaner fundamental. Autos wie auch die seit Längerem im Einsatz befindlichen Bahnen verkürzten nicht nur die Reisezeit und erhöhten den Komfort unterwegs, sie machten auch das Pferd über-flüssig. Ein Viertel der landwirtschaftlichen Fläche wurde bis dahin für die Versorgung der Pferde gebraucht und konnte von nun an für den Anbau von Lebensmitteln genutzt werden.

Ihr Erfolg basiert auf der Leistung einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Hard- und Softwareentwicklern; ihre Produkte und Dienstleistungen werden auf der ganzen Welt verkauft.

Mehr Effizienz und damit mehr Produktivität gehen kaum.

Durchschnittlich erwirtschaftet ein Mitarbeiter bei Google oder Facebook einen Jahresumsatz von 1,6 Millionen Dollar, bei Apple gar von 2,4 Millionen. Ein Vielfaches von dem, was ein Steuerberater oder ein Rechtsanwalt pro Jahr erwirtschaftet, das Fünfzigfache von dem eines Frisörs, eines Kellners oder Gärtners. Entsprechend hoch sind die Gehälter.

Kaum eine Region wird so sehr mit Fortschritt verbunden wie das Silicon Valley. Wäre sie ein Land, wäre sie mit einem Pro-Kopf-BIP von rund 180.000 Dollar pro Jahr der produktivste Staat der Welt. Dabei ist das Silicon Valley dreimal so produktiv wie der Rest des USA. Das globale Epizentrum des Internets ist zum Inbegriff von Innovation, Wachstum und Wohlstand geworden.

Traum ist keine Träumerei, sondern die kommunistische Interpretation des amerikanischen Traums. Beide sind ein Zukunftsversprechen, ein Versprechen von Wachstum und Wohlstand.

China

Und genau wie die USA ist China bereit, den Traum durch massive Investitionen Wirklichkeit werden zu lassen. Ganze Städte werden aus dem Boden gestampft, immer neue Fabriken errichtet, Straßen und Eisenbahnlinien gebaut. Allein in den ersten drei Jahren um Xi Jinpings Amtsantritt wurde in China mehr Beton verarbeitet als in den USA im gesamten 20. Jahrhundert. China ist hellwach.

Im Spätherbst 2019 reiste Xi Jinping in die griechische Hauptstadt Athen. Auf dem Programm standen Gespräche mit Politikern und ein Staatsbankett. Beide Seiten hoben die gute Freundschaft der beiden Kulturnationen hervor. Xi Jinping ging es vermutlich jedoch weniger um den kulturellen Austausch als vielmehr um eine Stippvisite bei einer der wichtigsten Baustellen Chinas in Europa: dem Hafen von Piräus.

Einige Jahre zuvor hatte ein chinesisches Staatsunternehmen hier die Mehrheit übernommen. Nun investiert das Land mehr als eine halbe Milliarde Euro, um den Hafen zu einem Baustein des größten Infrastrukturprojekts seit dem Bau der Mauer zu machen.

Chinas Bevölkerung wächst nicht mehr; im Gegenteil, sie geht zurück. Als Ursache dafür gilt oft die Ein-Kind-Politik. Diese Erklärung ist allerdings zu einfach.

Schon als 198 landesweit die Ein-Kind-Politik eingeführt wurde, war die Zahl der Geburten auf 2,6 Kinder pro Frau gesun-ken, 108 1992 sank die Fertilität erstmals unter das für eine stabile Bevölkerungsentwicklung nötige Maß von 2,1 Kindern pro Frau. Heute bekommen chinesische Frauen durchschnittlich nur noch 1,3 Kinder. Weniger Kinder heißt auf lange Sicht auch weniger Arbeits-kräfte. Chinas Erwerbsbevölkerung wird in den kommenden Jahren schrumpfen wie kaum in einem anderen Land. Eine gigantische Herausforderung für die chinesische Wirtschaft.

Der Wettbewerb zwischen China und den USA wird die Welt noch lange prägen. Die Rollen sind ungleich verteilt: auf der einen Seite die Vereinigten Staaten, die mit einer stagnierenden Produktivität zu kämpfen haben, während China weiter aufholt. Auf der anderen Seite China, dessen Bevölkerung vermutlich gerade zu schrumpfen beginnt, während die USA nach wie vor Traumziel von talentierten Menschen aus der ganzen Welt sind.

Überbevölkerung

Doch in unserem Bewusstsein hält sich hartnäckig die Angst vor der Bevölkerungsbombe. Als vor Kurzem fünfzig Nobelpreisträger nach der größten Bedrohung für die Menschheit befragt wurden, nannte mehr als ein Drittel von ihnen die Überbevölkerung des Planeten.“

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Natürlich stellt die Überbevölkerung eine gigantische Herausforderung für das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten dar. Es steht außer Frage, dass ein Ende des Bevölkerungswachstums der einzige Weg ist, den Planeten vor dem Klimakollaps zu bewahren. Was die meisten Menschen und auch renommierte Wissenschaftler jedoch übersehen: Es wird keine »Population Bomb« geben, sondern einen »Population Drop«.

Es dauert nicht mehr lange, bis die Weltbevölkerung zu schrumpfen beginnt. Zuerst in Europa, dann in Asien und Lateinamerika. Und vermutlich erlebt auch Afrika bald im Zeitraffer den Wandel, der Europa und Nordamerika aus der Armutsfalle befreit und in Richtung einer alternden Gesellschaft geführt hat. Das ist der Preis des Fort-schritts, der mit der »Spinning Jenny« seinen Anfang nahm. Wie auf einer Perlenkette aufgezogen folgen alle Länder demselben Muster.

Zunächst explodieren die Bevölkerungszahlen durch eine steigende Lebenserwartung, doch schon bald sinken die Geburtenraten – bis unter das Maß, das zum Erhalt der Bevölkerung notwendig wäre. Der »Population Drop« ist eingeleitet.

Heute prägen »New Women« nicht nur in Europa und Amerika, sondern auch in den asiatischen und selbst in den afrikanischen Metropolen die Wirtschaft. Und es werden immer mehr Länder, in denen Frauen gleichberechtigt Zugang zu Bildung und Jobs erhalten.

Mädchen

Die veränderte Rolle der Frau geht rund um den Globus mit einer veränderten Familienplanung einher. Dabei lässt sich ein klarer Zusammenhang erkennen: Je höher der Bildungsgrad der Frau, desto geringer die Anzahl ihrer Kinder. Das gilt in den USA und Europa genauso wie im Rest der Welt. Als im kolonialisierten Algerien 1950 kaum ein Mädchen die Chance hatte, eine Schule zu besuchen, bekam eine Frau im Durchschnitt 7,3 Kinder. Im Jahr 2010 besuchten Mädchen dort im Schnitt für sieben Jahre eine Schule, die Zahl der Geburten sank auf 2,9 Kinder pro Frau. In Brasilien ist die Geburtenrate sogar auf 1,8 gefallen. Und als in China im gleichen Zeitraum die Schuldauer von Mädchen von durchschnittlich nur einem Jahr auf achteinhalb Jahre gestiegen war, sank die Geburtenrate von 6,7 auf 1,6.

 

Die Bildung von Mädchen ist bis heute einer der wichtigsten Treiber.

Aus globaler Perspektive ist der Rückgang der Weltbevölkerung längst eingeleitet. 1950 wurden weltweit noch im Durchschnitt fünf Kinder pro Frau geboren, 1976 waren es vier und 1993 erstmals weniger als drei. Die wirtschaftlich am weitesten entwickelten Regionen haben die Grenze von zwei Kindern pro Frau längst unter-schritten. In der Europäischen Union liegt die durchschnittliche Geburtenrate nur noch bei 1,5, in Nordamerika bei 1,7 und in Asien bei 1,9. Je größer der Wohlstand, desto geringer die Fertilität.

Der »Point of no return« ist überschritten. Vermutlich war das Jahr 2017 mit 140 Millionen neuen Erdenbürgern bereits das baby-reichste Jahr in der gesamten Menschheitsgeschichte. Europa kann sich an sein babyreichstes Jahr kaum noch erinnern: 1957 erblickten hier mehr als 12 Millionen Menschen das Licht der Welt, aktuell sind es noch 7,5 Millionen pro Jahr. Südamerika erreichte den Höhepunkt 1988, zeitgleich mit dem bevölkerungsreichsten Kontinent Asien.

Die Konsequenzen sind unvorstellbar: Gemäß dieser Prognose wird bis Ende des Jahrhunderts die Fertilität in 183 von 195 Ländern unter das Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern gesunken sein. Das heißt: In all diesen Ländern wird die Bevölkerung über kurz oder lang schrumpfen. Und in ganzen 145 Ländern werden mehr Rentner und Kinder leben als Menschen im arbeitsfähigen Alter.

Geburtenrate

In entwickelten Ländern in Europa, Amerika und Asien pendelt sich die Geburtenrate um den niedrigen Wert von 1,4 ein. Mehr als 20 dieser Länder werden dabei mehr als die Hälfte ihrer Bevölkerung verlieren, weitere 34 bis zu mehr als ein Viertel. In all diesen Ländern wird es dann mehr über 8o-Jährige geben als unter 15-Jährige. Einzige Ausnahme: die Länder, die schon heute aktiv um Migration werben, allen voran die USA, aber auch Großbritannien, Kanada und Australien.

Besonders hart wird der Bevölkerungsrückgang China treffen.

Das 1,4-Milliarden-Menschen-Land verliert in den kommenden Jahrzehnten die Hälfte seiner Einwohner. Die Zahl der Erwerbsfähigen trifft es noch schlimmer: Sie sinkt um über 6o Prozent von fast 1 Milliarde auf 357 Millionen Chinesinnen und Chinesen! Mit anderen Worten: Am Ende dieses Jahrhunderts verfügt China nur noch über gut ein Drittel seines heutigen Erwerbspotenzials. Ein Faktor, der Chinas Einfluss in der Welt vermutlich enorm reduzieren wird.

Zumal das Land kaum von Migration profitiert. Die Ambitionen Xi Jinpings, China zur mächtigsten Wirtschaftsnation der Erde zu machen, werden angesichts dieser Entwicklung dauerhaft praktisch unmöglich. Kein Wunder, dass das sonst so vorausschauende Land mit seiner Drei-Kind-Politik gegensteuern möchte. Doch die Erfolgsaussichten sind gering. Denn bislang hat es praktisch kein Land geschafft, dauerhaft den Trend der sinkenden Fertilität umzukehren.

Auf China kommt allerdings noch ein weiteres Problem zu:

Zuwanderung

Während die Erwerbsbevölkerung um zwei Drittel sinkt, wächst die Zahl der Menschen über 65 Jahre, schon in den nächsten 40 Jahren von heute 200 Millionen auf 400 Millionen. Kommen heute knapp fünf Erwerbsfähige auf einen Rentner, sind es dann nur noch 1,5. Mit Zeitverzug trifft der Rückgang auch das zweitbevölke-rungsreichste Land der Erde. Indien wird Mitte des Jahrhunderts mit 1,6 Milliarden Menschen das vermutlich bevölkerungsreichste Land aller Zeiten sein. Doch von da an wird es ebenfalls anfangen zu schrumpfen – zunächst langsam, dann immer schneller, um mehr als eine halbe Milliarde Menschen auf weniger als 1,1 Milliarden bis zum Jahr 2100. Und wie in China kommen dann statt 8,4 nur noch 1,6 Erwerbsfähige auf einen Rentner.

Ahnlich sieht es in Europa aus. Ohne nennenswerte Zuwanderung werden die südeuropäischen Staaten Italien, Spanien, Portugal oder Griechenland die Hälfte ihrer Bevölkerung verlieren. In Italien hat diese Entwicklung längst begonnen. Allein 2020 hat das Land fast 400.000 Einwohner verloren – das entspricht der Bevölkerung von Florenz.

Kürzlich hat die italienische Regierung daher ein 5 Milliarden Euro schweres Familiengesetz ausgearbeitet, das eine Reihe von Maßnahmen zur Unterstützung von Familien wie ein monatliches Kindergeld vorsieht.Und die spanische Regierung hat 2017 erstmals den Posten des »Regierungsbeauftragten für demografische Herausforderungen« geschaffen.“

Eine kleinere Zahl arbeitender Menschen eine immer größere Zahl von Rentnern finanzieren soll. Ganz zu schweigen von Antworten auf die Frage, wie wir mit der schon heute grassierenden Arbeiterlosigkeit umgehen.

Arbeiterlosigkeit wird das Thema im 21. Jahrhundert sein. Über mehr als 200 Jahre hinweg galt es als unumstößliches Gesetz, dass es genügend und zum Teil sogar zu viele Arbeitskräfte gibt. Je wohlhabender Staaten wurden, desto mehr engagierten sie sich im Kampf gegen Arbeitslosigkeit. Eine ähnlich große Tatkraft braucht es nun bei der Bekämpfung der Arbeiterlosigkeit. Doch davon ist bislang wenig, ja beinahe nichts zu spüren.

Um solche Schreckensszenarien zu verhindern, braucht es eine Schocktherapie. Deutschland stehen dabei genau wie anderen Industriestaaten zwei Wege aus der Arbeiterlosigkeit offen: Wir können mehr arbeiten. Oder wir können produktiver arbeiten. Der Ruf nach mehr Arbeit ist kaum durch eine Wiedereinführung der Sams-tagsarbeit oder der 48-Stunden-Woche zu lösen. Sondern dadurch, dass mehr Menschen arbeiten. Dadurch, dass mehr Frauen gleichberechtigt arbeiten. Durch eine Erhöhung des Renteneintrittsalters.

Und durch intelligente Zuwanderungspolitik. Genau dies machen Einwanderungsländer wie die USA, Kanada und Australien seit Jahrzehnten. Mit Erfolg – ihre Erwerbsbevölkerungszahlen sind stabil. Doch es gibt noch einen zweiten Weg aus der Arbeiterlosigkeit: eine höhere Produktivität.

Wäre dies auch künftig der Fall, würde sie sich alle 35 Jahre verdoppeln. Jeder Vater, jede Mutter könnte damit auch weiterhin mit Fug und Recht behaupten, dass es dem eigenen Nachwuchs einmal besser gehen wird. Und zwar gleich doppelt so gut.

Roboterisierung

Das sollte doch eigentlich machbar sein. Erleben wir nicht gerade die vierte industrielle Revolution? Wo wir auch hinschauen, übernehmen Maschinen und Algorithmen einen Teil unserer Arbeit und machen jeden Einzelnen von uns damit theoretisch ein Stück weit produktiver, so wie es einst die »Spinning Jenny« von James Hargreaves machte und wie es an den Fließbändern in den Ford-Fabri-ken bei der Produktion des Model T geschah.

Vorboten der Roboterisierung von Arbeit finden sich inzwischen auch an ungewöhnlichen Orten. Für Schlagzeilen sorgten im Herbst 2021 Gastronomen, die Speisen und Getränke von Robotern an den Tisch bringen ließen. Am Anfang mag es noch etwas befremdlich sein, wenn eine Maschine, die entfernt an R2-D2 erinnert, vor dem Restauranttisch hält und die Gäste auffordert, die Tabletts mit ihrem Schnitzel oder Veggieburger zu entnehmen.

Der Wandel von 5 Prozent mehr Produktivität pro Jahr in den 196oer-Jahren auf o Prozent zu Beginn der 2020er-Jahre vollzog sich schleichend. Bereits in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre lag diese entscheidende Kennzahl für unseren Wohlstand nur noch bei rund 3 Prozent pro Jahr, Anfang dieses Jahrhunderts bereits unter der 1-Prozent-Grenze. Und damit ist Deutschland nicht allein.

Im Euroraum stieg seit der Jahrhundertwende die Produktivität je Erwerbstätigen nur um 0,6 Prozent pro Jahr.1» Und dieses Mi-ni-Wachstum beruht im Wesentlichen auf der Aufholjagd der mittel- und osteuropäischen Länder.

Dabei gilt der bereits im ersten Teil zitierte Leitsatz des US-Nobelpreisträgers Paul Krugman: »Productivity isn’t everything, but in the long run it is almost everything.« Langsam dämmert das auch Entscheidern auf dem Kontinent. Zwar empfahl der Europäische Rat den EU-Mitgliedsstaaten immerhin bereits 2016, nationale Ausschüsse für Produktivität einzurichten, und in Deutschland übernahm diese Aufgabe der Sachverständigenrat, der zu dieser Thematik auch ausführlich Stellung bezieht,  Doch dies kann erst der Anfang sein. Schlagzeilen machen die Erkenntnisse des Rates jedenfalls noch nicht.

Mein Leben hat sich in den vergangenen Jahren vor allem dank Smartphone und dem mittlerweile möglichen Grad der Vernetzung durchaus verändert. Aber Fakt ist, dass sich diese Veränderung nicht in den Produktivitätsstatistiken niederschlägt. Das gilt in Deutschland genauso wie in fast allen anderen Industrienationen.

Die Diskussion um die Entwicklung der Arbeitsproduktivität ist deswegen so wichtig, weil sie zu einem großen Teil das wirtschaftliche Wachstum und den Wohlstand eines Landes erklärt.

Wohlstand

Ohne eine höhere Produktivität stagniert der Wohlstand. Und damit droht der Traum zu platzen, dass es unseren Kindern einmal besser gehen wird als uns.

Die Kehrseite der staatlichen Hilfen im Zuge der Corona-Pandemie könnte unser Land noch über Jahre hinweg belasten. Wir haben eine Wirtschaftsstruktur am Leben gehalten, die zum Teil nicht mehr erhaltenswert war. Oder etwas theoretischer formuliert: Wir haben den für das Funktionieren unseres Wirtschaftssystems so unerlässlichen Prozess der schöpferischen Zerstörung aufgehal-ten. Diesen Begriff prägte der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter in den 1940er-Jahren. Danach baut jede ökonomische Entwicklung auf diesem Prozess auf. Eine Neukombination von Produktionsfaktoren – und damit auch von Arbeitskräften – verdrängt alte Strukturen und zerstört sie letztendlich. Diese Zerstörung schafft Raum für Neues und ist der Motor des Fortschritts.

Klingt hart, bescherte uns aber über 250 Jahre hinweg einen zuvor unvorstellbaren Wohlstand. Sie hat dafür gesorgt, dass wir heute keinen Pflug mehr durch die Erde ziehen, sondern Maschinen und Computer bedienen.

Einwanderung und Fachkräfte

Und anstatt zumindest alles daranzusetzen, diese Menschen möglichst schnell möglichst gut zu qualifizieren und zu integrie-ren, bleiben viele über Jahre ohne feste Perspektive und schlagen sich mit Niedriglohnjobs durch. Zudem ist es für Menschen, die mit hoher Qualifikation zu uns kommen, zum Teil sehr knifflig bis un-möglich, ausländische Abschlüsse anerkennen zu lassen. Aus qualifizierten Zuwanderern werden vermeintlich unqualifizierte Hilfsarbeiter. Darauf weist auch die OECD in einer Analyse hin.

Bisherige Vorstöße wie zuletzt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ändern an der verfahrenen Situation nur wenig. Noch ist es ein echter Kraftakt, Migranten eine dauerhafte Perspektive mit einem festen Arbeitsplatz zu bieten, ganz zu schweigen davon, ihre Familie nachkommen zu lassen. Wie so häufig bei diesem Thema zeigt ein Blick in das Einwanderungsland USA, dass es auch anders geht.

Seit 1965 zielt die Migrationspolitik dort vor allem auf die Einwanderung qualifizierter Fachkräfte sowie auf die Zusammenführung von Familien.

Deutschland hat das Potenzial, zum Traumziel für qualifizierte Fachkräfte zu werden. Zusammen mit der Boston Consulting Group befragten wir 208.000 erwerbsfähige Menschen in 190 Ländern zu ihrer Bereitschaft, im Ausland zu arbeiten.

Die Ergebnisse dieser »Global Talent Survey« überraschen zunächst nicht: Die beliebtesten Zielländer für auswanderungswillige Menschen weltweit sind Kanada, die USA und Australien. Kein Wunder: Alle drei Länder sind durch Migration entstanden, zudem wird hier Englisch gesprochen, das erleichtert die Integration. Zu unserer Überraschung folgt auf dem vierten Platz jedoch ein Land, in dem nicht Englisch gesprochen wird: Deutschland! Damit ist Deutschland das mit Abstand attraktivste Ziel für Arbeitsmigranten in der nicht-englischsprachigen Welt – ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt.

Um aber im globalen Wettbewerb zu bestehen und den Bevölke-rungsschwund zu bekämpfen, müssen wir aktiv um Erwerbsmigra-tion werben, die Startchancen für Migranten verbessern und bestehende Barrieren abbauen.

Vor allem die notwendige Anerkennung ausländischer Ab. schlusse stelt ein großes Problem dar. Rund 1500 Anerkennungs. stellen gibt es in Deutschland. Diese prifen, ob ein ausländischer Berufsabschluss gleichwertig mit einem deutschen Abschluss ist vielleicht gerade angesichts der Einzigartigkeit des deutschen dualen Ausbildungssystems. Das Ergebnis: Pro Jahr werden bun. desweit lediglich 45.000 ausländische Abschlüsse als vollständig oder eingeschränkt gleichwertig zu deutschen Qualifikationen an. erkannt, zu zwei Dritteln handelte es sich hierbei um medizinische Berufe.

Stattdessen lassen wir es zu, dass Ingenieure auf Baustellen arbeiten und andere Akademiker Hilfsjobs übernehmen. Eine Verschwendung von Talenten. Ergebnis: Nur 39 Prozent der Einwande Ter aus einem Nicht- EU-Land mit einem akademischen Abschluss arbeiten in einem hochqualifizierten Beruf, 30 Prozent sind über-qualifiziert für ihren Job, ein Drittel ist überhaupt nicht beschäftigt.“ Zum Vergleich: In Großbritannien haben 57 Prozent der hochqualifizierten Einwanderer einen hochqualifizierten Arbeitsplatz. Kein Wunder, dass bei der Frage nach den Berufsperspektiven Deutschland bei hochqualifizierten Menschen aus dem Ausland auf einem der letzten Plätze landet.

Ich habe mit vielen Geschäftsführern und Chefärzten aus Kliniken gesprochen, die händeringend Pflegepersonal suchen.

Und so verschärft die Zombie-Politik die Arbeiterlosigkeit an den Stellen, wo gut ausgebildete Fachkräfte heute so dringend gebraucht werden. Insolvenzexperten schätzen, dass rund 300.000 Betriebe, 300.000 Zombies, ihre Tore für immer zusperren sollten – das sind etwa 17 Prozent aller Unternehmen in Deutschland! Dazu kommen noch immer Hunderttausende Kurzarbeiter, die dem Arbeitsmarkt vorenthalten werden.

Das Land stünde vor einem Produktivitätsschub sondergleichen, wenn Millionen von Menschen auf einmal bei den Unternehmen arbeiten würden, die auf Personal angewiesen sind, anstatt in unproduktiven Unternehmen oder in der Kurzarbeit geparkt zu wer-den. Bestandsverwaltung ist kein Moonshot. Es gibt keinen Status quo, den es zu erhalten gilt, außer der Freiheit, sich weiterzuentwickeln. Wenn uns die Geschichte eines gelehrt hat, dann ist es die Tatsache, dass Fortschritt immer mit Wandel einhergeht. Mit dem Mut, Neues zu wagen. Mit der Bereitschaft, alte Industrien aufzugeben und neue entstehen zu lassen. Mit einer Vision, mit einem Ziel.

Genau das braucht Industriepolitik: eine Vision und ein Ziel.

Moonshot

»We choose to fund NASA with billions of dollars.« Er sagte: »We choose to go to the moon.«“ Es war das Ziel, in weniger als neun Jahren einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen, was den Fortschritt gebracht hat, nicht allein der Etat. Ziel und Zeitraum waren klar definiert, das Land hatte eine Mission.

Xi Jinpings Strategie lautet nicht, den größten Forschungsetat der Welt zu haben. Sie lautet, bis 2049 die technologische und wirtschaftliche Weltmacht zu sein. In Deutschland definieren sich politische Ambitionen noch immer über die Summen, die ausgegeben werden, nicht über die Ziele. Zum Beispiel beim 10-Milliarden-Zukunftsfonds zur Finanzierung von Start-ups: »Damit setzen wir den Benchmark in Europal«, so der damalige Wirtschaftsminister bei der Pressekonferenz.“ Nein, Geldausgeben setzt keine Benchmarks. Ziele setzen Benchmarks! Doch an einem Ziel fehlt es dem Zukunftsfonds.

Vielleicht macht Europa vor, was Deutschland nicht gelingen will.

Bis zum Jahr 2030 soll der Marktanteil der in Europa produzierten Halbleiter auf ein Fünftel verdoppelt werden.“* Halbleiterchips stecken in nahezu allen technischen Produkten, in Mobiltelefonen und Autos genauso wie in Industrierobotern und Gabelstaplern.

Ein 500-Milliarden-Dollar-Markt. Das Problem: Fast zwei Drittel der Mikrochips wird in Taiwan gefertigt, knapp ein Fünftel in Südkorea.

Doch gerade hier, im wichtigsten Bereich der Wirtschaft, lässt sich bereits seit Jahren kaum noch Fortschritt messen – teilweise sogar eher das Gegenteil.

Vielleicht liegt es daran, dass all die Technologie den Menschen mehr von der Arbeit ablenkt, als dass sie ihn unterstützt. Apple veröffentlichte vor einigen Jahren Daten, wonach iPhone-Nutzer ihr Gerät achtzigmal am Tag verwenden – das bedeutet etwa alle zehn Minuten.!! Eine andere Studie kam zu dem Schluss, dass Menschen während der Arbeitszeit fast 40 Minuten mit ihrem Smartphone verbringen.Bekommen Menschen permanent Mails und Anrufe, während sie eine Aufgabe erledigen, soll das die Aufmerksamkeit doppelt so stark senken wie der Konsum von Marihuana.

Dienstleistungen

Noch gravierender als die Ablenkung durch Smartphones ist womöglich die Ineffizienz der Arbeit selbst. In Produktionshallen lassen sich Fertigungsabläufe optimieren, Durchlaufzeiten messen, die Qualität der erstellten Erzeugnisse prüfen und so optimieren.

Viele Dienstleistungsunternehmen sind hingegen organisch komplexe Gebilde, da bleiben Ineffizienzen und Doppelarbeiten häufig intransparent. 81 Prozent der Angestellten mit einem Bürojob gaben kürzlich in einer internationalen Befragung an, ineffiziente Prozesse in ihrem Unternehmen führten dazu, dass sie zu langsam arbeiteten.

Nun könnte man meinen, Dienstleistungen seien nicht automatisierbar. Falsch. Es geht nicht immer um den Einsatz von Robotern. Es geht nicht um die autonome Haarschneidemaschine oder den Pflegeroboter.

Jobwechsel ohne Blessuren zu überstehen. Schulen können auch hierzu ihren Beitrag leisten: mit einem positiven Lernklima, basierend auf offener Kommunikation, Vertrauen und Motivation, Wer einmal in der Schule abgehängt ist, hat kein Selbstvertrauen mehr.

Bildung

Ich wiederhole es nur ungern: Eines von fünf Kindern haben wir längst abgehängt. Das können wir uns nicht leisten.

Dazu kommt die vielleicht wichtigste Fähigkeit für die Arbeitswelt der Zukunft: Kreativität. Wer Kinder spielen sieht, weiß, dass sie in jedem steckt. Doch anstatt sie verkümmern zu lassen oder höchstens mal im Kunstunterricht zu fördern, sollte die Schule der Zukunft in allen Fächern zu kreativen Lösungen ermuntern und kreatives Denken belohnen. Warum? Weil Computer zwar um ein Vielfaches schneller rechnen als Menschen, uns in Sachen Kreativität jedoch hoffnungslos unterlegen sind. Algorithmen entwickeln kein Red Bull. Sie kreieren keine neuen Modetrends. Und sie träumen

Sie entscheiden darüber, ob sie ein Studium absolvieren, welche Ausbildung sie machen oder welchen Beruf sie später einmal ausüben können. Aber sind sie eigentlich zeitgemäße Mess-instrumente, um die Kompetenzen für die Arbeitswelt von morgen wirklich zu erfassen? Noch treten wir zum Bewerbungsgespräch mit Noten in Deutsch und Mathematik an.

Wäre es nicht zeitgemäß, wenn auf dem Zeugnis auch Noten für die wirklich gefragten Fähigkeiten stünden? Wenn junge Menschen Informatik studieren, weil sie gut im Problemlösen sind? Wenn sie ihren Traumberuf bekommen, weil sie in Kreativität gut abgeschnitten haben? Unabhängig von ihrer Herkunft, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund? Ich denke, dann wäre die Schule wirklich im 21. Jahrhundert angekommen.

Zugehörigkeit

In kaum einem Land sind die Menschen so treu wie in Deutschland – zumindest, was die Treue zum Arbeitgeber angeht. Ganze 11,2 Jahre bleiben deutsche Arbeitnehmer im Schnitt bei ihrem Arbeitgeber, mehr als der OECD-Durchschnitt. Ganz zu schweigen von US-amerikanischen Arbeitnehmern, die im Mittel nicht länger als 4,1 Jahre bei einem Unternehmen bleiben.“ Das passt gut zu unserem Bild der »Hire-and-Fire«-Mentalität amerikanischer Firmen. Wir sehen den einsamen Büroangestellten, einen Pappkarton voller Habseligkeiten in den Händen, auf der Straße stehen, wir sehen den Fabrikarbeiter, der mit den Worten »You are fired!« vor die Tür gesetzt wird.

Was allerdings so gar nicht ins Bild passt: In den USA haben mehr als ein Drittel der Mitarbeiter eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber.In Deutschland sind es weniger als halb so viele. Millionen haben hierzulande längst innerlich gekündigt. In-nerlich. Denn in Wirklichkeit kündigen die Amerikaner drei Mal so oft wie deutsche Angestellte.

Die Beziehung der Deutschen zu ihrem Arbeitgeber gleicht eher einer jahrelangen Zweckehe als einer Liebesbeziehung – während sich Millionen von Amerikanern gerade im Honeymoon befinden.

Denn obwohl der Kündigungsschutz in kaum einem Land so locker ist wie in den USA, sind es vor allem die Mitarbeiter selbst, die kün-digen. Über 47 Millionen waren es, die 2021 ihren Job kündigten.“ Die Zahl der Trennungen, die vom Arbeitgeber ausgingen, liegt bei weniger als der Hälfte dessen. Das ist kein »Hire and Fire«, Das ist der »Big Quit«.

Auch in Deutschland finden gerade in Krisenzeiten größere Um wälzungen am Arbeitsmarkt statt. Vor allem unproduktive Unternehmen entlassen Mitarbeiter oder melden Insolvenz an. Produktivere Unternehmen bauen hingegen Arbeitsplätze auf. Diese Prozess der bereits angesprochenen Schumpeter’schen Zerstörung ist gesund für die Wirtschaft. Er sorgt dafür, dass innovativere, produktivere Unternehmen überleben und wachsen, während ausge diente Geschäftsmodelle vom Markt verschwinden. Eine Katharsis für die Wirtschaft.

Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, welche Unternehmen noch eine Zukunft haben und welche nicht. Das Jahr 2009 war so ein Jahr der »Mega-Pleiten«, Viele Unternehmen überlebten die Finanzkrise nicht. 34.000 Unternehmen meldeten Insolvenz an.

So folgenschwer Krisen und Rezessionen für Menschen sind, die von Jobangst und Arbeitsplatzabbau betroffen sind, so wichtig sind sie für eine regelmäßige Erneuerung der Wirtschaft. Krisen sorgen nicht nur dafür, dass veraltete Geschäftsmodelle verschwinden, sondern mit ihnen auch unproduktivere Arbeitsplätze. Und sie lassen neue Unternehmen entstehen, mit neuen Chancen und

Mit den Corona-Milliarden hätten wir einen ersten Grundstein legen können für eine produktivere Zukunft, für bessere Arbeitsplätze, für mehr Wohlstand. Die Chance haben wir verpasst.

Eines sollten wir daher für zukünftige Krisen lernen: Der Erhalt unproduktiver Arbeit lohnt sich nicht. Stattdessen sollten wir in die Zukunft investieren, in die Fähigkeiten und Kompetenzen der Men-schen. Mit Weiterbildungsangeboten, die auf die Zukunft des Arbeitsmarktes ausgerichtet sind. Mit Hilfsangeboten für Menschen, die kurzfristig aufgrund Arbeitsplatzverlust in finanzielle Schieflage geraten. Und mit der Finanzierung von innovativen Unternehmen, die nachhaltig Arbeitsplätze schaffen.

Great Resignation 

Und das Homeoffice lässt zu, das: immer mehr von ihnen noch nicht einmal mehr umziehen müs sen, um eine neue Stelle anzutreten. Die Hindernisse und Kosten für Wechselwillige sind so deutlich geringer geworden.

Übringens, die »Great Resignation« ist längst kein reines US-Phänomen mehr. In Australien wechselten im Herbst 2021 gut ein Viertel mehr Menschen ihren Arbeitsplatz als noch vor Ausbruch de Pandemie im Herbst 2019. In Großbritannien stieg die Zahl der Stellenwechsel, die nicht auf Entlassungen beruhen, auf den höchsten Stand seit 20 Jahren. Und in China macht sich unter dem Stichwort »Tang Ping« eine Bewegung breit, die mit einem Jobwech sel ein ruhigeres Leben anstrebt.

Die Abkehr vom 996-Prinzip (Arbeiten von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, und das sechs Tage die Woche) beunruhigt bereits die chinesische Regierung. Aber die zumeist jüngeren Jobwechsel wissen: In einem Land mit schrumpfender Bevölkerung ist ihre Arbeitskraft mehr denn je gefragt. Und es wird schon ein Unterneh men geben, wo sich »Tang Ping«, gerne auch »Lying flat« genannt realisieren lässt.

Eine höhere Flexibilität der Arbeitsmärkte erfordert jedoch auch Umdenken auf Unternehmensseite. Einstellungsprozesse sind h fig nicht nur langsam, frustrierend und ineffizient. Sie sind vor lem eines: unglaublich standardisiert und uniform.

Gut jedes zweite Unternehmen fordert von den Kandidaten heu noch drei Dokumente oder mehr zusätzlich zu ihrer Bewerbung über 60 Prozent ein Anschreiben. Für mich ist das eigentliche Relikt aus einer vollkommen anderen Zeit.

In den USA heißt es »Hire for attitude, train for skills.« Frei übersetzt: Stelle die Menschen mit der richtigen Einstellung ein und bringe ihnen die notwendigen Fähigkeiten bei. Doch über die Einstellung, über die Persönlichkeit sagt der Lebenslauf nur wenig aus.

Fussballmannschaft

Apropos Trainerstab: Vielleicht sollten sich Unternehmen den Profifußball zum Vorbild nehmen. Denn im Grunde ist eine Fußballmannschaft ein kleines Unternehmen. Mit Verve diskutieren wir den Marktwert von Fußballspielern. Vereine rühmen sich damit, wer die wertvollste Mannschaft hat. Was eine Mannschaft so wertvoll macht, ist klar: smarte Transfers, aber auch der Aufbau von Talenten und natürlich intensives tägliches Training. Zeit, den Marktwert der eigenen Mannschaft zu erhöhen! Zeit für ein »Great Upgrade«!

Decode

Neue, wenn ich es aufs Geratewohl probiere. Wo ich »leistungsstark« eingebe, schlägt der Decoder »talentiert« vor, wo ich von »am-bitioniert« schreibe, plädiert er für »engagiert«.

Jetzt könnte einer das für eine nette Spielerei halten oder gar für ein kostenloses Marketing-Gimmick von StepStone. Doch weit ge-fehlt. Schon die erste Untersuchung hat gezeigt, dass mit dem Gen-der Bias Decoder optimierte Texte zu 15 Prozent mehr Bewerbungen von Frauen führen. Wer weiß, wie händeringend viele Firmen inzwischen neue Kräfte suchen, ahnt, was 15 Prozent mehr Bewerbungen bedeuten können. Übrigens: Mehr weiblich kodierte Worte in der Stellenanzeige haben keinen negativen Einfluss auf das Bewer-berverhalten von Männern. Eine Win-win-Situation ohne Verlierer.

Mit einer zeitgemäßen Sprache ist es natürlich nicht getan. In den Köpfen gibt es viele weitere Vorurteile, sie drücken sich in Begriffen wie »Rabenmutter« oder »Teilzeitmutti« aus. Die damit verbundenen Vorurteile lassen sich dann wirksam überwinden, wenn wir Diversität wirklich leben und eine neue gesellschaftliche Wirklichkeit schaffen, in der es selbstverständlich ist, dass Frauen wie Männer arbeiten und sich um ihre Kinder kümmern. In der Frauen wie Männer je nach persönlichem Wunsch in Voll- oder in Teilzeit arbeiten können. In der Mütter wie Väter Karriere machen und dennoch genügend Zeit für ihre Kinder haben.

Daher ist es richtig, über Mindestlöhne Anreize zu schaffen und einfache Arbeiten wo immer möglich zu automatisieren.

Landwirte als Digitalunternehmer und die Industrie machen vor, wie durch fortschrittliche Technologien die Produktivität gesteigert werden kann und attraktivere Arbeit entsteht. Nun sind Dienstleister und der Staat dran, den Produktivitätsboost durch konsequente Digitalisierung zu zünden.

Veränderung bedeutet aber auch, die verkrusteten Prozesse, veralteten Geschäftsmodelle und überholten Industrien loszulassen.

Statt Bestandsbewahrung zu subventionieren, brauchen wir neue Impulse, Investitionen in Innovation und Fortschritt. Und einen Ar-beitsmarkt, der Menschen motiviert, den richtigen Job zu finden, statt die Zeit bis zur Abfindung oder Rente abzusitzen.

Ein Upgrade auf Arbeit wird ohne ein Upgrade auf Bildung nicht funktionieren. Solange ein Fünftel der Jugendlichen nicht richtig lesen und schreiben kann, wird es einen Niedriglohnsektor geben. Solange junge Menschen für die Arbeitswelt von gestern fit gemacht werden, wird es keinen Aufbruch in ein digitales Zeitalter geben.

Eine Vision von der Zukunft kommt daher nicht ohne eine Vision für die Bildung aus.

Vor uns liegt eine Welt, in der wir uns nicht mehr den Maschinen anpassen müssen, sondern Maschinen an unsere Bedürfnisse an-passen, in der Algorithmen uns einfache Tätigkeiten abnehmen. In dieser Welt braucht es andere Fähigkeiten als Fleiß und Gehorsam.

Nämlich Resilienz, Kreativität und die Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen. Lassen Sie uns unseren Kindern diese Fähigkeiten beibringen, damit ein neues Wirtschaftswunder gelingt.

Ein Wirtschaftswunder wird sich jedoch ohne die Hilfe von Zuwanderern aus Europa und der ganzen Welt nicht wiederholen.

Ohne den Zuzug und die Integration von Millionen Einwanderern.

 

(Alle Auszüge als Zitate aus dem Buch von Sebastian Dettmer).

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